Wenn Schantall Pröllmann auf die Buchmesse gegangen wäre

Kai Twilfers Fanatsiefigur Schantall parodiert die deutsche Spießigkeit.

Der unerschrockene und hartgesottene Sozialarbeiter Jochen ist stets um das Wohl seiner allerliebsten Kundin im Sozialamt des fiktiven Bochtrop-Rauxel bemüht: Schantall Pröllmann. Fasziniert von ihrer Leichtigkeit, durch das Leben zu gehen und die Grammatikregeln der deutschen Sprache zu missachten, versucht Jochen, ihr und ihrer Verwandtschaft tapfer den Unterschied zwischen essbaren und zu tragenden Linsen zu erklären oder die Verwendung von Fremdwörtern: So ist Familie Pröllmann nicht auf fremden Territorium, sondern »fremden Terrarium« unterwegs, nachdem ihre Wohnung abgebrannt ist und Schantall ohne Zögern und gegen den Willen von Jochens Ehefrau in deren Haus einzieht.

© Schwarzkopf & Schwarzkopf
© Schwarzkopf & Schwarzkopf

Was wenn nun diese Schantall Pröllmann von Jochen zur kulturellen Weiterbildung auf die Leipziger Buchmesse verschleppt würde? Sitzt Schantall ruhig auf einem Papphocker vor der Bühne im taz.studio und lauscht, wie die Damen darüber philosophieren, dass Jammern ein Grundrecht sei, Wut absolut angebracht aber Zärtlichkeit das A und O? Oder legt sie ein Bein auf den Hocker vor sich, um sich in aller Öffentlichkeit die Fußnägel pink zu lackieren und den Feministinnen zu zeigen, was es heißt, auf die Meinung anderer mit absoluter Gleichgültigkeit zu verzichten? Reißt Schantall in Halle 1 beim Anblick der Cosplayer derbe Witze über die Jugendlichen, die halbnackt in zu enger selbstgeschneiderter Kleidung durch die Gegend laufen, oder fühlt sie sich zwischen mehreren Tonnen beweglicher Schminke pudelwohl? Entdeckt sie bei den erotischen Romanen doch noch ihre Leidenschaft für das gedruckte Wort? Oder platziert sie sich auf dem Blauen Sofa, um endlich in die »Glotze« zu kommen, und sendet auf diesem Weg gleich ein paar Grüße an den Sohn Tschastin und die Erzfeindin Cheyenne mit einem landesweit ausgestrahlten Diss?

© Moritz Thau
© Moritz Thau

Mit Kai Twilfers »Schantall, tu ma die Omma Tschüss rufen!« endet die Schantall-Trilogie über eine Vertreterin dessen, was allgemeinhin als Unterschicht bezeichnet wird. Twilfer stellt mit Schantall eine Kumulation aller gängigen Klischees über Sozialfälle zusammen und überspitzt sie maßlos. Kaum auszudenken, wenn eine solche Person in dieser Extremform tatsächlich existieren würde. Nach fünf Minuten würde ihr Gegenüber das Zimmer fluchtartig verlassen, um seine letzten 50 Hirnzellen zu retten. Glücklicherweise hat Twilfer sein Buch in Kapiteln gestaffelt und gibt dem Leser Zeit, sich zu erholen und die anfängliche Empörung über so viel geballten Unsinn zu verdauen. Wer sich durch die ersten Kapitel kämpft und den Impuls unterdrückt, das Buch als geistige Zumutung zu empfinden, wird am Ende mit der Erkenntnis belohnt, dass ein spießiges und angepasstes Leben keine Lachtränen schreibt. Schantall nimmt sich nicht zu ernst, und die Welt geht davon nicht unter. »Scheiß Wetter! Komm Tschastin, wir pennen noch ’ne Runde.« Manchmal ist diese Entscheidung die bessere Wahl als Burn-out mit Mitte 20.

Beitragsbild: Das Rezensionsexemplar. © Daniela Schumann


Das Buch: Kai Twilfer: Schantall, tu ma die Omma Tschüss rufen! Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2016, 224 Seiten, 9,99 Euro


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Die Rezensentin: Daniela Schumann

 


 

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