»Wenn jemand kommt, sagt ihm, ich habe mich auch verpasst«

Die Lange Nacht der Lyrik findet dieses Jahr zum siebten Mal in Leipzig statt, unter dem Motto »Lyrik an Musik«.

Ein gemeinsames, multilinguales Projekt von Ernst Jandl, Erich Fried und Yoko Ono könnte in etwa so aussehen wie Cia Rinnes Gedichtsammlung »l’usage du mot / notes for soloists / zaroum«. Meisterhaft lautmalerisch kombiniert sie verschiedene Sprachen, lässt sie ineinander übergehen, lauscht den Worten nach, formt sie um, verändert ihre Bedeutung: »hear: i am, here i am, i: america, i am erica« und »dear i, you lack three things: one, two, three«. Mit diesem Einstieg setzt sie die Messlatte hoch an.

Weiter geht es mit Gerhard Meister in einem langen, sich ständig umformenden Satz einmal um den Globus zurück in den großen Saal der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Maren Kames liest nicht nur. Ihre Lesung wird unterstützt durch eine Stimm- und Klanglandschaft vom Band, die es ihr ermöglicht, verschiedenen Bewusstseinsebenen Ausdruck zu verleihen. Eine Stimme erklärt wissenschaftlich trocken das Prinzip des Bergsturzes. Kames spricht mit sich selbst, gegen sich selbst, ergänzt sich und erfindet eine Landschaft. Oder erfindet die Landschaft sie? »Wenn jemand kommt, sagt ihm, ich habe mich auch verpasst.« Mit einem »Detektor für außergewöhnliche Vorkommnisse auf der Brust« entführt sie ihre Gäste mit sanfter Stimme in diese gedankliche Kartografie. In der Schriftfassung finden sich QR-Codes, mit deren Hilfe man sich den Soundtrack beim Lesen zu Gemüte führen kann. Jakob Dobers beschließt den ersten Block mit nachdenklich bis lustigem Gesang zu Gitarre. Mittlerweile ist es wirklich voll, es gibt Gedrängel um den Büchertisch.

In Block Nummer zwei stellen Ronya Othmann, Saskia Warzecha, Alexander Kappe und Andra Schwarz »Ansicht der leuchtenden Wurzeln von unten« vor, die erste gemeinsame Gedichtsammlung der deutschen, österreichischen und schweizerischen Literaturinstitute. Kaum haben sie angefangen, ist es auch schon wieder vorbei. Fetzen wie »Fragt mich nicht, was ich hier soll. Ich bin nur zufällig hier«, »Hallo? Ich lebe hier zum ersten Mal!« und »Der Horizont ist nur noch eine rhetorische Figur« hängen in der Luft.

Schon erscheint Michael Fehr, wie Gerhard Meister ein Abgesandter des schweizer Partnerverlags Der gesunde Menschenversand. Mit einer Flasche Whisky in der Hand findet er seinen Weg zum Mikrofon. »Darf ich das brauchen?« Sein mythisch anmutender Vortrag, den er mit kräftig-rauer Stimme ausstößt, intensiviert die Stimmung. Ein Mädchen, blinde Zwillinge, braun-silberne Tiere, »Hört hin, hört hin, wie glücklich ich bin. Mir ist nichts geschenkt!«, singt er. Michael Fehr hat eine erstaunliche Ausstrahlung. Es herrscht absolute Stille im Saal, sein schamloser Alkoholkonsum auf offener Bühne scheint niemanden zu stören, vielleicht trägt er sogar dazu bei, dass es auf einmal so andächtig zugeht. Ein echter Künstler! Mit Marotten! So etwas gibt es noch? Trotzdem spielt sich Fehr nicht in den Mittelpunkt. Nach ein paar Anekdoten (»Ich bin schon normalerweise ein sehr kultivierter Mensch, es ist mir wichtig, nicht zu erbrechen«, »Ich bin auf einer Straße nach Hause gegangen, deren Breite nötig war«) und einem Liebeslied an den Whisky macht er Platz für Ron Winkler, der die Stimmung wieder abkühlt, einige kryptische Reiseberichte von sich gibt und sympathischerweise selbst nach kurzer Zeit feststellt: »Aber eigentlich ist das Prinzip klar.« Damit entlässt er in die zweite Pause, natürlich erst nach erneutem Gesang von Jakob Dobers. »Ich schaue aus dem Fenster und gucke, was ich denke«, singt der. Gute Idee. Fenster auf, Luft und Getränk holen, weiter geht’s.

Steffen Popp (mit »118« für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert) liest Rätsel für Erwachsene. Es gibt 118 Gedichte, jedes kreist um das Wort, mit dem es endet. Popp verschafft einen guten Gesamtüberblick. Es wird nach hinten schwerer, »wie das Periodensystem«. Leider sind Orsolya Kalász und Kenah Cusanit ausgefallen, für Ersatz soll Birgit Kreipe sorgen, aber es ist spät und die Reihen haben sich gelichtet, geschlossene Augen hier und da. Tapfer liest sie noch ein paar Minuten aus »Soma«, muss sich dann aber geschlagen geben. Jakob Dobers schließt mit »Mutantenstadt«. Manchmal wäre weniger mehr und der Musikgedanke ist auch irgendwann im Laufe des Abends vom Wagen gefallen, aber diese leichte Reizüberflutung ist dennoch inspirierend und interessant, wenn auch die Köpfe etwas schwirren. Es gibt noch Hoffnung für die Lyrik.

Beitragsbild: Cia Rinne. © Johanna Posenenske


Die Veranstaltung: Teil der Bewegung, Lange Lyriknacht: Lyrik an Musik, Moderation: Carolin Callies, Alexander Gumz und Mathias Zeiske, Hochschule für Grafik und Buchkunst, 25.3.2017, 20 Uhr

Die Bücher:

  • Cia Rinne: l’usage du mot / notes for soloists / zaroum. kookbooks, Berlin 2017, ca. 100 Seiten, 19,90 Euro
  • Gerhard Meister: Eine Lichtsekunde über meinem Kopf. Der gesunde Menschenversand, Luzern 2016, 112 Seiten, 20 Euro
  • Maren Kames: HALB TAUBE HALB PFAU. Secession Verlag für Literatur, Zürich 2016, 35 Euro
  • Ansicht der leuchtenden Wurzeln von unten. Poetenladen Verlag, Leipzig 2017, 128 Seiten, 17,80 Euro
  • Michael Fehr: Glanz und Schatten. Der gesunde Menschenversand, Luzern 2017, 144 Seiten, 19 Euro, E-Book 14,99 Euro
  • Ron Winkler: Karten aus Gebieten. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2017, 112 Seiten, 20 Euro
  • Steffen Popp: 118. kookbooks, Berlin 2017, 144 Seiten, 19,90 Euro
  • Birgit Kreipe: Soma. kookbooks, Berlin 2016, 80 Seiten, 19,90 Euro

 

 

Die Rezensentin: Johanna Posenenske

 


 

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