Wenn ein Mann den Frauen eine Stimme gibt

Das Gespräch über »Die Geschichte der Frau« führen – ja genau – zwei Männer.

Für sein neuestes Werk wurde Feridun Zaimoglu misstrauisch beäugt. Unter dem Motto »Es spricht die Frau« will er die Weltgeschichte neu erzählen. Dafür ist er in die Perspektive von zehn ganz unterschiedlichen Frauen geschlüpft. Von Judith, die Frau des Judas, über die Kriegerkönigin Brunhild bis Valerie Solanas, die amerikanische Feministin, die durch ihren Mordversuch an Andy Warhol bekannt wurde. Alles Frauen, deren Stimme bisher wenig Gehör fand.

Man kann sich dabei sicherlich die Frage stellen: Braucht es einen Mann, um die Sicht dieser Frauen zu überliefern? Auch der Moderator des Gesprächs, Mladen Gladić, der Kulturredakteur bei der Freitag ist, versucht eine kritische Haltung Zaimoglus Werk gegenüber einzunehmen. Er will erfahren, was den Autor angetrieben hat, sich dieser doch sehr anspruchsvollen Aufgabe anzunehmen. Zaimoglu findet deutliche Worte, um seinen feministischen Anspruch hinter dem Roman klar zu machen: »Jahrhundertelang haben Männer sich das Naturrecht zugesprochen, dass SIE zu führen haben – Das ist doch widerlich!« Eine einzige Frau aus dem Publikum applaudiert.

Warum genau diese Frauen, will der Moderator weiter wissen. Ihm sei klar, dass es nicht vollständig ist, antwortet Zaimoglu. Aber diese Frauen seien getilgt worden und mussten unsichtbar bleiben. Jetzt gibt er ihnen eine Stimme. Aber warum sind es nur europäische Frauen, und keine globalen, versucht der Moderator es weiter. Er gibt sich Mühe, den Haken zu finden. Oder möchte zumindest mit Zaimoglu diskutieren. Aber der geht verständnisvoll mit der Kritik um. Es sei gut und vernünftig, dass man erstmal kritisch mit ihm ist. Aber die Leserinnen und Leser sollen auch sehen, dass er sich angestrengt habe, die Geschichte dieser Frauen anders als bisher zu erzählen. Er sei dabei vor allem am Feedback seiner Leserinnen interessiert – ob es ihm gelungen sei, oder nicht.
Der Autor, der übrigens nicht das erste Mal aus der Perspektive einer Frau schreibt, scheint also durchaus kritisch mit seiner eigenen Rolle als Mann umzugehen. »Habe ich tatsächlich mit meinem Geschlecht gebrochen? Man wird sehen.« Auch die Jury des Leipziger Buchpreises war von seiner Idee überzeugt. »Die Geschichte der Frau« gehörte zu einem der fünf Nominierten in der Kategorie Belletristik. Gewonnen hat es allerdings nicht.

Neben der Skepsis gegenüber dem Autor wundere (vielleicht sogar ärgere) ich mich ein wenig, dass der Freitag keine Moderatorin für dieses Gespräch ausgewählt hat. Ich frage mich, was sie für Fragen gestellt hätte. Und ob ich ein solches Gespräch noch spannender gefunden hätte. Schon nach zehn Minuten werden die beiden Männer auf der Bühne unterbrochen. Eine Frau fängt am Nachbarstand an zu singen. Zaimoglu beendet an dieser Stelle das Gespräch, da er sich so nicht mehr konzentrieren kann. Ich muss ein wenig schmunzeln, über die Komik dieses Moments. Während der Autor noch Bücher von Gästen signiert, gehe ich rüber und höre mir das Konzert an. Die Stimme der Sängerin klingt stark.

Beitragsbild: Mladen Gladić (links) und Feridun Zaimoglu (rechts) © Helena Schmidt


Die Veranstaltung: Die Geschichte der Frau, Moderation: Mladen Gladić, der Freitag, 23.3.2019, 16:00 Uhr


Das Buch: Feridun Zaimoglu: Die Geschichte der Frau. Kiepenheuer & Witsch 2019, 395 Seiten, 24,00 Euro, E-Book 19,99 Euro


Die Rezensentin: Helena Schmidt

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