Weltuntergangsstimmung bei Fair-Trade-Kaffee

Radioaktive Wolken und das Waldsterben, dazu Kaffee. Kirstin Breitenfellner erzählt in der GANOS Kaffeerösterei vom »bleiernen Jahrzehnt« 1979-89.

© Picus Verlag

»›No future‹ wurde zu ihrem Slogan. Doch wer keine Zukunft hat, der hat auch keine Gegenwart.« Während mein Hirn diese Äußerung in seine Windungen aufnimmt, versucht mein Körper vergebens die ihn umgebenden Wohlgerüche einzuordnen: Die Aromen unendlich vieler Sorten Kaffees beleben und regen ihn an. Zugleich umschmeicheln jedoch Düfte von warmem Kuchen, Toffee und Schokolade meinen Riechapparat, was die Konzentration erschwert. Diese gilt Kirstin Breitenfellner, die mit geradem Rücken ihre Lesung begonnen hat.

Das vielfältige Bukett durchzieht die komplette Kaffeerösterei, die vertrauenserweckende Rösttradition mit modernen Hochleistungsmühlen verbindet. Die Bohnen werden in teiltransparenten Boxen aufbewahrt, die, versehen mit silbernen Hähnen zur Dosierung, einem Steampunk-Universum entsprungen sein könnten. GANOS bietet dem Koffeinvernarrten eine angenehme Zuflucht vor dem Schneegestöber draußen. Noch ein Schluck von meinem äthiopischen Kaffee, dann bin ich wieder bei Breitenfellner.

Ihr Roman erzählt von einer westdeutschen Jugend, die im »bleiernen Jahrzehnt« 1979-89 von apokalyptischen Prophezeiungen begleitet heranwächst. Die Bedrohung der atomaren Supermächte, das Wald- und Artensterben, Aids und schließlich Tschernobyl können Protagonistin Judith und ihre Freunde jedoch nicht daran hindern, das Recht auf ihre Jugend einzufordern. So feiern sie wie andere auch, gehen protestieren und kommen mit dem Reaktorunglück 1986 an den Punkt, an dem sie »keine Lust mehr hatten, recht zu haben.« Als der Ost-West-Konflikt im Mauerfall kulminiert, kann Judith endlich aufatmen und ihr Leben richtig dort beginnen, wo das Buch sein Ende findet.

Kirstin Breitenfellner © Mats Bergen

Die klare Artikulation der Autorin lässt ihre österreichische Herkunft nicht heraushören. Fraglos textsicher würde jedoch eine abwechslungsreichere Betonung ihren Vortrag noch aufwerten. Die aufmerksamen Zuhörer scheinen einer nostalgischen Neigung in die Kaffeerösterei gefolgt zu sein. Als Breitenfellner einen Ort beschreibt, wo sich »die Langhaarigen« getroffen hätten, gibt ihr ein eifriges Nicken Bestätigung aus der ersten Reihe. Auch der Kampf mit einer Telefonzelle entlockt jemandem ein belustigtes Schnauben: Die Geduldsprobe Telefonzelle haben wohl nicht nur die Figuren Judith und Anders zu bestehen gehabt. Die Zielgruppe ihres Romans sei eigentlich die jüngere Generation von heute, wobei ihr die Kombination von Romanen und Zielgruppen einige Unannehmlichkeiten zu bereiten scheint. Die Schriftstellerin weist darauf hin, dass es heute mit der Stimmungsmache kaum anders sei als damals. Nur, dass Treibhauseffekt und Waldsterben heute Klimawandel hießen und Fukushima an die Stelle von Tschernobyl getreten sei.

»Bevor die Welt unterging« bietet also jungen Menschen die Möglichkeit, ihre Wirklichkeit mit der Judiths in Beziehung zu setzen sowie den damals Jugendlichen, sich noch einmal jung zu fühlen. Und wer Lust auf guten Kaffee hat, sollte GANOS einmal einen Besuch abstatten.

Beitragsbild: Kirstin Breifenfellner entfesselt radioaktive Wolken, die bis nach Deutschland ziehen © Kai Clever


Die Veranstaltung: Kirstin Breitenfellner liest aus »Bevor die Welt unterging«, GANOS Kaffee-Kontor & Rösterei, 16.3.2018, 20 Uhr

Das Buch: Kirstin Breitenfellner: Bevor die Welt unterging. Picus Verlag, Wien 2017, 240 Seiten, 22,00 Euro, E-Book 17,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Kai Clever

 


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