Was riecht fantastisch, ist blind und kann alles außer fliegen? Natürlich ein Kiwi. Und die Liebe, für Mayjia Gille gehört dies zusammen

Lesung mit Mayjia Gille »Seit Tagen warte ich in den Sarottihöfen« im Showroom der Galerie ARTAe Leipzig

In einer kleinen Querstraße im Stadtteil Gohlis folge ich den Hausnummern, um den Ort der Lesung zu finden. Plötzlich stehe ich vor meinem Ziel, Nummer drei. Neben mir eine Dame, sie trägt weiße Lederstiefel, eine knallig rote Strickmütze und eine Sonnenbrille, hat langes blondes Haar und schaut mich sympathisch an. Im selben Augenblick, in dem ich erfahre, dass sie die Dichterin ist, erscheint die Galeristin und schließt uns den Raum auf.

Mayjia Gille © Kinga Bartczak

Die Galerie ist klein, etwa 20 qm, der externe Showroom der Galerie ARTAe Leipzig. Mayjia Gille ist die Verfasserin der Lyriksammlung »Seit Tagen warte ich in den Sarottihöfen« und zugleich die Schöpferin der Gemälde der aktuellen Ausstellung »Glückssträhne« im Showroom.

Die Ausstellung © Kinga Bartczak

Die Bilder wirken verspielt und frei, die Farben sind grell. Symbolische Tiermotive der Kulturgesellschaften, wie die japanische Winke-Katze und der deutsche Met-Igel, treffen aufeinander in einem Bild. Der Raum füllt sich in wenigen Minuten mit etwa genauso vielen Holzklappstühlen, wie Quadratmeter zur Verfügung stehen. Die Zuhörer der mittleren und älteren Altersklasse bekommen Wein in »rot« und »weiß« ausgeschenkt, die Lesung beginnt.
Die Galeristin erzählt sehr enthusiastisch von Frau Gille. Sie beschreibt sie als eine künstlerische Seele auf diversen Ebenen: Malerin, Sängerin der Band Eisvogel, Schauspielerin und Dichterin zugleich. Schon im Elternhaus war Mayjia Gille mit Kunst konfrontiert, denn ihr Vater Sighard Gille ist ein bekannter deutscher Maler. Die Komposition der malerischen Arbeiten bezeichnet die Galeristin als »gewagt und gekonnt«.

Galeristin Sabine Elsner (links), Mayjia Gille (rechts) © Kinga Bartczak

Mayjia Gille sitzt zuhörend auf der Armlehne des klobigen beigen Ledersessels, der ausgerichtet zum Publikum steht. Eben noch rückte sich Mayjia Gille den Sessel zurecht und entschied letztlich, es sich auf der breiten Armlehne bequem zu machen. Da sie, als sie sich in die eigentlich im Sessel dafür vorgesehene Stelle setzte, völlig aus der Sicht verschwand. Dabei entschwand in Form von Scherben ein Weinglas unter dem Sessel. Sie nahm es herzlich und humorvoll und lachte direkt über die Scherben und den passenden Titel der Ausstellung »Glückssträhne«. Alles nicht so schlimm.

Seit Tagen warte ich in den Sarottihöfen © Leipziger Literaturverlag

Der Gedichtband ist den Liebenden gewidmet, erläutert zu Beginn Mayjia Gille, »denn sind nicht alle aktiv Liebende? Geliebt wollen alle sein«, sagt sie langsam und klar.
»Wen meinst du damit?«. Diese Frage wird den Autoren von Lyrik bei Lesungen häufig gestellt, erwähnt Mayjia Gille. »Ich ist nicht immer Ich« erläutert sie, und öffnet das Buch.
Ihre Stimme ist wie Samt, sie spricht sinnhaft und lässt den Zuhörern Zeit zum Nachdenken und bietet Wiederholungen zum Verständnis an. Ein Mann aus dem Publikum schaut sie wie verliebt an, ist absolut von Ihrer Poesie verschluckt und begeistert von dem leidenschaftlichen Blick, den Sie und ihre Gedichte aufzeigen.
Ihre Themen sind Liebesbeziehungen in Berlin, menschliche Nähe, Ferne und Lust. Anhand von Geschichten über Met-Igel oder LKWs gefüllt mit lebendigen Schweinen, die plötzlich durch ein Autounfall in die Freiheit flüchten können, erzählt sie von Freiheit und Kultur.
Zu Beginn ihres Lieblingskapitels »Finnische Liebeslieder« erläutert sie ihr Sinnbild der Liebe, und holt dabei ein kleines Stofftierchen aus Ihrer Handtasche heraus. Sie klemmt sich dieses wie selbstverständlich, als hätte sie es schon tausende Male getan, an ihren breiten Hüftgürtel und erzählt: »Ein Kiwi ist wie die Liebe, er ist blind, kann alles, aber fliegen kann er nicht. Er riecht und hört fantastisch«. Ihre Gemälde und Gedichte schmelzen immer wieder zusammen. Der Kiwi erscheint sogar in einer Bildserie: Sie deutet auf die Wand, wo ein Kiwi zu sehen ist, der sich um die Liebe bemüht. Auf die Frage, wie sie zu ihren Gedichten kommt, antwortet sie ganz natürlich: »Meine Gedichte kommen und gehen.«, »Nein.« – sie korrigiert sich selbst – »Sie kommen und gehen nicht. Seit dem ich klein bin, schreibe ich durchgehend. Ich habe immer einen Zettel und einen Stift dabei.« Die Sachen, die ich schreibe sind nie 100% wahr, sie sind dramatisiert, übertrieben, verstärkt. Es ist meine ganz persönliche Wahrnehmung bestimmter Erlebnisse und Bilder aus meinem Kopf.«
Mayjia Gilles hat das Publikum mit auf eine Reise zu neuen Perspektiven genommen. Die zwei sehr wertvollen Stunden voller Emotionalität und Sensibilität sind viel zu schnell vergangen.

Beitragsbild: Mayjia Gille © Kinga Bartczak


Die Veranstaltung: Mayjia Gille liest aus »Seit Tagen warte ich in den Sarottihöfen«. 21.3.2019, 18.00 Uhr


Das Buch: Mayjia Gille: Seit Tagen warte ich in den Sarottihöfen. Leipziger Literaturverlag 2016, 106 Seiten, 16,95 Euro


Die Rezensentin: Kinga Bartczak

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