Warum Marx die Antwort auf egal welche Frage ist

Ein Paradebeispiel für den selbstverschuldeten Ausschluss einiger linker Gruppierungen aus dem öffentlichen Diskurs.

Manchmal fühlt man sich unwohl, ohne sagen zu können, woran es liegt. Auch vor Beginn des Vortrags von David North über die Russische Revolution von 1917 herrscht eine merkwürdige Stimmung in Hörsaal 3 der Universität Leipzig. Woher dieser schale Beigeschmack? Kommt er daher, dass man schon im Treppenhaus einen dem stattzufindenden Vortrag kritisch gegenüberstehenden Flyer in die Hand gedrückt bekam?

Während der einleitenden Worte des Moderators Peter Schwarz wird dem – zu diesem Zeitpunkt noch – gefüllten Hörsaal klar, auf welche Art von Veranstaltung man sich hier eingelassen hat. Schwarz diffamiert mit vielen -ismen die Politik der deutschen Bundesregierung, spricht ihren Mitgliedern ab, legitim gewählt worden zu sein, und wirft ihnen vor, nahtlos die Flüchtlingspolitik der AfD umzusetzen. Ironischerweise hat der Bundestag nur wenige Stunden zuvor mit 544 zu 84 Stimmen gegen den von der AfD gestellten Antrag für verschärfte Grenzkontrollen gestimmt. Dass dies dem trotzkistischen Publizisten Schwarz entgangen sein muss, ist nachvollziehbar – er hätte dafür ja die »bourgeoise Presse« lesen müssen. Seine Behauptung aber ist schlichtweg falsch.

David North. © mehring Verlag

Dann beginnt David North, Chefredakteur der World Socialist Web Site, seinen Vortrag. Leidenschaftlich führt er aus, inwiefern Karl Marx die hegelsche Dialektik überwunden und die einzig gültige Gesellschaftsutopie entworfen habe, die historisch »in der Russischen Revolution bestätigt wurde«. Kompromisslos argumentiert North für die Notwendigkeit des Marxismus, fordert den Klassenkampf und weigert sich, nicht-marxistische Gesellschaftsentwürfe gelten zu lassen. In nahezu einem Atemzug fegt er die Frankfurter Schule, postmoderne Theoretiker und gegenwärtige »pseudolinke Intellektuelle« vom Tisch. Als Vordenker einer politischen Alternative komme niemand aus diesen Reihen infrage, da sie sich allesamt darauf beschränken würden, destruktive Kritik zu üben, ohne konstruktive Vorschläge zu unterbreiten.

Wer solche Thesen in den Raum wirft, fordert es heraus, nach seinen Vorschlägen gefragt zu werden. Doch anstatt auf diese Zwischenfrage einer Besucherin einzugehen, fällt North ihr ins Wort und versucht sie rhetorisch in die Enge zu drängen. Nachdem sie sich als redegewandt erweist, sieht er davon ab und verliert sich in polemischen Redewendungen. »Marx, Marx, Marx« scheint es während des Vortrags durch die Reihen zu hallen. Der Name wird dabei zusehends zur inhaltsleeren Phrase. Denn dass sich die gesellschaftliche Wirklichkeit seit den Tagen von Karl Marx verändert und ein heute postulierter Marxismus dazu Stellung zu beziehen hat, scheint diesen treu zur historischen Lehre haltenden Kämpfern entgangen zu sein.

Verständlicherweise leert sich der Hörsaal im Verlauf des Vortrags. Wer in seiner Kritik an politischen Gegnern auf die immergleichen Nazivergleiche zurückgreifen muss, zeigt sich trotz seiner rhetorischen Begabung und seines großen geschichtlichen und philosophischen Wissens argumentativ von schwacher Seite. Enttäuscht wurde, wer auf den angekündigten Vortrag über die Oktoberrevolution gehofft hatte. Dafür durfte sich so mancher der stark applaudierenden Gäste einmal wieder in seinem geschlossenen Weltbild bestätigt fühlen.

Beitragsbild: Das Publikum und David North (vorne rechts) © mehring Verlag


Die Veranstaltung: Warum die Russische Revolution studieren, Moderation: Peter Schwarz, Universität Leipzig, Campus Augustusplatz, Hörsaal 3, 16.3.2018, 18 Uhr

Der Vortragende: David North, Vorsitzender der Socialist Equality Party (SEP)


 

Der Rezensent: Kilian Thomas

 

 


 

 

Ein Gedanke zu „Warum Marx die Antwort auf egal welche Frage ist

  1. Der Autor hat erstaunlich wenig von dem Vortrag verstanden und gibt eher diffuse Eindrücke von sich. Dabei gibt er sogar falsche Namen der Sprecher an (Peter Schwarz hat nicht gesprochen), mischt verschiedene Fragen aus dem Publikum zusammen und erfindet angebliche Aussagen des Vortragenden.

    Der Autor ist offenbar sehr aufgebracht, dass an der Uni Leipzig eine tatsächlich marxistische Perspektive auf dem höchsten theoretischen und historischen Niveau vorgetragen und diskutiert wird. Wer daran interessiert ist, dem sei die Lektüre des Vortrags selbst empfohlen, der mittlerweile im Netz veröffentlicht ist:
    http://www.wsws.org/de/articles/2018/03/20/leip-m20.html

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