Von Wermut und Wehmut

Finsternis senkt sich über Leipzig: Passend zum Blutmond präsentieren Martin von Pomorski und Toralf Schulze in der Absintherie Sixtina unter dem Titel »Lykantropische Lyrik« düstere Poesie und Prosa der letzten 250 Jahre. »Leipzig lauscht« war bei der schaurig-schönen Lesung mit vor Ort.

Regen prasselt unnachgiebig und erlösend auf die rissige Straße, doch die Hitze bleibt. Als ich endlich bei der Absintherie Sixtina ankomme, bin ich von Kopf bis Fuß durchnässt und ungehalten. Hämisch und doch einladend grinst mich der Satyr über dem Eingang an. Eine Einladung, die ich gerne annehme.

Der Schritt über die Türschwelle entführt mich direkt in eine andere Welt. Warmes, aber spärliches Kerzenlicht und Patschuli erfüllen den Raum und spülen meinen Unmut hinfort, zahlreiche Gemälde und umrahmte Plakate schmücken die zum Teil roten Wände. Unzählige Absinthflaschen unterschiedlichsten Alters thronen auf einer nur unbedeutend geringeren Anzahl Regalen. Anhänger der schwarzen Szene aller Altersklassen sitzen bereits auf bequemen Couchs, Sesseln und Stühlen und warten gespannt auf die Herren von Pomorski und Schulze, die letzte Vorbereitungen treffen.

Die grüne Fee darf selbstverständlich nicht fehlen. © Alexander Rosenstein

Ich bestelle einen Absinth, man will ja nicht grob auffallen. Es ist kurz nach 20 Uhr, und während das Eiswasser langsam in mein Glas tropft, begrüßen die Gastgeber das Publikum und machen es mit dem Ablauf bekannt. Trotz des Namens der Veranstaltung und der Mondfinsternis wird auf Werwölfe und andere Schauergestalten verzichtet, stattdessen werden diverse, natürlich trotzdem düstere, überwiegend lyrische Texte der letzten 250 Jahre gelesen. Die zwei Vortragenden betonen, dass sie keinesfalls Urheber seien: Es ist eine Lesung von Fans, für Fans.

Der Abend beginnt mit »Stille« der zeitgenössischen Liedermacherin Dota Kehr. Mit Pathos und kräftiger Stimme rezitiert von Pomorski den Text, das Publikum lauscht ehrfürchtig und ergriffen, nur das leise Klirren der Eiswürfel wagt es, die Lesung zu stören. Nach andächtigem Applaus ist Schulze an der Reihe und trägt Goethes »Prometheus« vor, ohne auch nur einmal auf sein Blatt zu sehen. Und so hangeln sich die Zwei von Gedichten Nietzsches über Benn bis hin zu einem Kapitel aus Dostojewskis »Schuld und Sühne«. Auch ein überaus kitschiges Werk, das zur Überraschung aller Anwesenden aus der Feder von Marx stammt, wird vorgetragen. Zunehmend werden die Texte jedoch schwermütiger und finsterer, was nach einer kurzen Pause seinen Höhepunkt findet: Georg Trakls »Grodek« und Paul Celans »Todesfuge« werden förmlich auf das Publikum losgelassen. Die peitschende Stimme des Vorlesers zwängt die verzweifelten Worte Celans in meinen Geist, wo sie zusammen mit dem Absinth umherwirbeln und Chaos stiften.

Von Pomorski und Schulze, im Gespräch nicht halb so ernst wie ihre Literaturauswahl. © Alexander Rosenstein

Nachdem von Pomorski verstummt, ist das Publikum merklich geplättet. Doch die Gastgeber wissen die Stimmung aufzulockern und geben, nach Goethes »Legende vom Hufeisen«, zu Ehren des Tages »Unter der blanken Hacke des Mondes« von Peter Huchel wider. Dabei mischt sich langsam Gekicher in die Geräuschkulisse und Heiterkeit schleicht sich in die Anwesenden. Spätestens nachdem als letztes Stück des Abends Schulze mit Witz und Elan »Ein Ritter« des Kabarettisten Bodo Wartke vorträgt, wird daraus Frohmut. Mit Gelächter und donnerndem Applaus endet die beeindruckende Lesung, pünktlich zum Höhepunkt der Mondfinsternis. Ein Glück, dass sich die Wolken noch verzogen haben.

Beitragsbild: Toralf Schulze (links) und Martin von Pomorski (rechts). © Alexander Rosenstein


Die Veranstaltung: Lykantropische Lyrik, Moderation: Toralf Schulze und Martin von Pomorski, Absintherie Sixtina, 27.7.2018, 20 Uhr


Alex: Ein Kerl mit Brot

 

 

Der Rezensent: Alexander Rosenstein

 

 


Ein Gedanke zu „Von Wermut und Wehmut

  1. Wunderbar geschrieben und ein tolles Bild der Grünen Fee! Es ist zwar erst 08:15, aber da hab ich jetzt Durst drauf bekommen.

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