Von Schnorrern zu Schreibern

Jenaer Punkzwillinge erzählen aus ihrem Leben zwischen Straße, Knast und Heroin.

Wer mit der Leipziger Buchmesse vor allem Studienräte und Kulturintendanten assoziierte, wurde im Connewitzer Fischladen eines Besseren belehrt. Dort waren am Donnerstagabend die Punks Benni und Basti Podruch zu Gast, um ihr Buch vorzustellen, das sie gemeinsam mit der Sprachwissenschaftlerin Christiane Tramitz geschrieben hatten.

Als die Autoren den kleinen, verrauchten Raum des Vereinshauses des Fußballvereins Roter Stern Leipzig betraten, war dieser schon bis zum Rand gefüllt mit einem bunt gemischten Publikum aus nietenbesetzten Punks, Stammgästen des linken Connewitzer Schuppens und ein paar »Normalos«.

Sebastian und Benjamin Podruch © Orell Füssli
Sebastian und Benjamin Podruch © Orell Füssli

»Die Grundlage dieses Buches ist das Vertrauen, das mir von Benni und Basti entgegengebracht wurde«, eröffnete Tramitz, selbst Mutter von eineiigen Zwillingen, die Lesung. »Du bist halt ’ne coole Sau«, erwiderte Basti und die drei stießen mit einem »Blechbrötchen« an. Tramitz erzählte von ihrem Kennenlernen, wie sie die beiden im Gefängnis besucht und ihnen vorgeschlagen hatte, gemeinsam deren Lebensgeschichte aufzuschreiben. Es folgten schonungslos ehrliche Tagebucheinträge, Briefe und etliche Kästen Pils.

Die Brüder mit den bunten Iros und ausgefransten Jeanswesten tranken, rauchten jede Menge Zigaretten und überließen Tramitz das Vorlesen. Zwischendurch plauderte sie mit den beiden Punks, die feixend ihre Geschichten zum Besten gaben und dabei kein Blatt vor den Mund nahmen. Da war zum Beispiel die vierzigjährige Alleinerziehende, die dem damals vierundzwanzigjährigen Basti ein Angebot machte, das er nicht ablehnen konnte. Im Austausch gegen seine Liebesdienste durften all seine Kumpels in ihrer warmen Wohnung schlafen, duschen und essen. Hatte Basti mal »keinen Bock auf sie«, sprang Benni ein. »Auch egal.«

Ernstere Töne wurden angeschlagen, als Benni von den Jahren im Gefängnis berichtete, von der Heroinabhängigkeit und dem Verlust seines Sohnes, der 2016 verstarb.

Christiane Tramitz © Orell Füssli
Christiane Tramitz © Orell Füssli

Die Ambivalenz, die den Geschichten von Benni und Basti innewohnt, steckt bereits im Buchtitel: »Dieses schöne Scheißleben«. Das Erzählte ist getragen von Leichtigkeit und Humor, aber auch durchzogen von Schmerz und Schicksalsschlägen. Das Buch gewährt einen Einblick in die dunkelsten Zeiten: als Vierzehnjährige wurden sie vom Stiefvater rausgeschmissen, gerieten ständig in Schlägereien, spritzten Heroin und bekamen schließlich drei Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung. Dennoch stehen Humor, Freundschaft und Geschwisterliebe bei ihnen ganz oben. »Wir sind auf der Sonnenseite des Lebens geboren«, heißt es im Buch.

So berichteten die Punkzwillinge nach der Lesung noch von dem Wunsch, für sich und ihre Freunde ein Bauernhaus bei Berlin zu kaufen. Neben den Spenden aus der bei der Lesung herumgehenden Blechdose soll auch der Ertrag des Buches in dieses Projekt fließen. Wie viel Geld denn pro Exemplar bei ihnen ankomme, wollte ein Gast wissen. Basti: »Ein Euro!« Es begann eine hitzige Debatte mit dem Verleger. »Warum bleibt da nicht mehr hängen? Es geht doch schließlich um das Geld für die Jungs!«, rief ein empörter Besucher. Nach ein paar Minuten beendete Benni schließlich die ihm lästig gewordene Diskussion: »Ich will jetzt trinken, Mann«.

Beitragsbild: Sebastian Podruch (links), Christiane Tramitz (Mitte) und Benjamin Podruch (rechts). © Helen Rode


Die Veranstaltung: Dieses schöne Scheißleben – Zwei Punkzwillinge erzählen, Fischladen, Vereinshaus Roter Stern Leipzig, 23.3.2017, 19 Uhr

Das Buch: Benjamin und Sebastian Podruch, Christiane Tramitz: Dieses schöne Scheißleben. Orell Füssli Verlag, Zürich 2017, 224 Seiten, 17,95 Euro



 

 

Die Rezensentin: Helen Rode

 


 

2 Gedanken zu „Von Schnorrern zu Schreibern

  1. Einen kleinen Kommentar um etwas richtig zu stellen was den beiden Zwillingen selbst sehr wichtig sein dürfte : keiner der beiden spritzte Heroin sie konsumierten die Droge über das Sogenannte „Blech rauchen “ . Eine Kleinigkeit nur aber wichtig . Ansonsten find ich ist es ein guter Artikel , es hat mich sehr gefreut abseits der typischen Werbung und Buchtrailern etwas gefunden zu haben .

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