Von Leipzig über Osnabrück nach Jerusalem

Esther von der Osten stellt zusammen mit der Lektorin Johanna Hofleitner ihre Übersetzungen der Werke von Hélène Cixous vor.

Messelärm aus allen Richtungen klingt in den Ohren. Ein quietschendes Mikrofon und die anfangs sehr leise Stimme der Lektorin erfüllen den mit Pappwänden abgesteckten Raum. Johanna Hofleitner und Esther von der Osten stellen die neueste Übersetzung des Passagen Verlags vor. Infos über den Passagen Verlag, die Spezialisierung auf zeitgenössische französische Philosophie, den Hauptautor Jacques Rancière und das Programm rieseln auf den Zuhörer ein. Der Blick fällt immer häufiger auf das Buch, das neben der Übersetzerin Esther von der Osten liegt. Das Buch mit den kleinen Klebezetteln, die alle für eine kleine Geschichte stehen, die alle einen kurzen Einblick in eine andere, der Buchmesse so fernen Welt versprechen.

Als dieses verheißungsvolle Buch endlich von Esther von der Osten in die Hand genommen wird, beginnt die Reise in die Vergangenheit. Das Buch spielt an Orten wie Osnabrück und Jerusalem, aber vor allem in Erinnerungen. Hélène Cixous schreibt von deutscher Vergangenheit, Flucht und Vertreibung, aber vor allem von ihrer Familie. Sie formt mit »Osnabrück Hauptbahnhof nach Jerusalem« ein Portrait ihrer Mutter Ève und schreibt Familiengeschichte. Ihre Texte sind ein Spiel mit all den Sprachen, die ihrer Mutter, ihren Verwandten und dem Leser in der Erinnerung begegnen, Deutsch, Französisch, die Sprache der Nationalsozialisten, die Sprache der Dokumente. Ihre Bücher sind eine literarische Auseinandersetzung mit Erinnerungen und dem Erinnern. Sie sind Pathos und Komik zugleich.

»Ève ist ein Wort, das im Französischen überall eingeschrieben wird, beginnend mit Cixous‘ Hauptperson Rêve, dem Traum.« Die Erzählung schwebt zwischen Ève, der Mutter der Protagonistin und all den Wörtern, die dieses Ève im Französischen beinhalten, aber doch hauptsächlich dem Traum. Was ist Erinnerung und was Fiktion, was weiß man und was sagt man? »Es heißt Geheimnisse ausgraben, Tote auferwecken, Stummen das Wort geben.«

Schon vor Beginn der eigentlichen Lesung erklärt die Übersetzerin, dass nichts, was sie hier liest, am Ende repräsentativ für die Bücher sein wird. Die Bücher und die Schreibweise von Hélène Cixous und Esther von der Osten sind nicht zusammenfassbar. Jede Seite ist eine neue Art der Sprache, ein neuer Einblick, ein neuer Protagonist, der sich langsam, unbemerkt in die Erzählung schleicht, plötzlich da ist und ebenso unbemerkt wieder verschwindet und seine eigene Erinnerung weiterschreibt.

Keine der vorgelesenen Textpassagen kann mehr als einen kurzen Einblick gewähren. Die Lesung kann den Büchern leider nicht gerecht werden, was keinesfalls vom Kauf des Buches abschrecken sollte. Das Buch »Osnabrück Hauptbahnhof nach Jerusalem« erscheint im April im Passagen Verlag.

 

Veranstaltungstipp: Wer jetzt schon Lust hat, einen Einblick in das neue Buch zu bekommen, kann sich die Lesung am Samstag, den 17. März um 19 Uhr im Bürgerverein Waldstrassenviertel e.V. anhören.

Beitragsbild: Johanna Hofleitner (links) und Esther von der Osten (rechts) im Gespräch. © Friederike Graupner


Die Veranstaltung: Esther von der Osten liest »Osnabrück« und »Osnabrück Hauptbahnhof nach Jerusalem«, Moderation: Johanna Hofleitner, Buchmesse Leipzig, 15.3.2018, 11.30 Uhr

Das Buch: Esther von der Osten, Hélène Cixous: Osnabrück Hauptbahnhof nach Jerusalem. Passagen Verlag, Wien 2018, 20,50 Euro


 

Die Rezensentin: Friederike Grauper

 

 


 

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