Von Horrorfans und documenta-Besuchern

Christian Saehrendt liest aus seinem Reiseführer »Schneewittchen und der kopflose Kurator«.

Möchte man den Worten von Christian Saehrendt Glauben schenken, dann handelt es sich bei documenta-Besuchern und Horrorfans um die gleiche Gruppe von Menschen. Diese zunächst eigen erscheinende These erörtert der Kunsthistoriker in seinem Reiseführer »Schneewittchen und der kopflose Kurator«, aus dem er am Samstagabend im Beckmann-Saal des Museums der bildenden Künste vorliest. Der Raum erscheint als passender Ort, wurde der Künstler doch auf der documenta I, II und III ausgestellt und Kunstinteressierte, wie es sich bei den Hörern vermuten lässt, sind gerne von Kunst umgeben. Weniger atmosphärisch für eine Lesung jedoch sind das grelle Licht in diesem White Cube Bau und die dröhnende Belüftung.

© Dumont
© Dumont

Wieso findet eine der international wichtigsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in einer Provinz wie Kassel statt? Die hessische Stadt wird häufig mit Fragen dieser Art konfrontiert. Der Autor möchte diesem Vorurteil entgegenwirken und sein Auditorium zu einem Besuch des Heimatortes der documenta anregen. Ausgehend von Frankfurt am Main nimmt er die Zuhörer mit auf eine Reise entlang der Märchenstraße hin zur documenta. Mit Charme und Witz zieht er Parallelen zwischen Märchenwelt und Kunstszene, etwa wenn Künstler sich selbst als Aschenputtel und verkannte Prinzen und Prinzessinnen verstehen. Allen voran steht die Auflösung um den geheimnisvollen Fall des kopflosen Kurators, der auf die alte Volkserzählung des kopflosen Reiters zurückzuführen ist und in hessischen Kunsthäusern sein Unwesen treiben soll. Saehrendt befürchtet, den Fluch auf seinem Weg durch das verhexte Hessenland nicht aufheben zu können und dem Schrecken auf der anstehenden documenta 14 wieder zu begegnen.

Der Abend bringt auch dem Kunstneuling die Szene rund um die Ausstellung näher. Mit einem Augenzwinkern erklärt der Autor, wie sein Publikum vom einfachen Besucher zum ausstellenden Künstler oder gar Chefkuratoren aufsteigt – man muss sich einfach finden lassen; und wie es auf gar keinen Fall klappen kann – durch eigenmächtiges Bewerben. Er fühlt Klischees und Strategien auf den Zahn, beispielsweise wie Künstlern schon in der Vergangenheit durch das Ablehnen der offiziell angefragten Teilnahme auf einfachere Weise viel mehr Aufmerksamkeit zuteilwurde.

Christian Saehrendt schafft es, den Kreis einer oft als elitär verschrienen Szene weiter zu öffnen und so mag es verwundern, dass seine Lesung in einem für leipziger Verhältnisse eher konservativem Haus wie dem Museum der bildenden Künste stattfindet, aber vielleicht geht es auch genau darum.

Beitragsbild: Christian Saehrendt liest aus seinem Reiseführer © Franziska Czok


Die Veranstaltung: Schneewittchen und der kopflose Kurator, Museum der bildenden Künste, 25.3.2017, 20 Uhr

Das Buch: Christian Saehrendt: Schneewittchen und der kopflose Kurator. Der Reiseführer für documenta-Besucher, Romantiker und Horrorfans. Dumont, Köln 2017, 240 Seiten, 50 s/w Abbildungen, 18,00 Euro


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Die Rezensentin: Franziska Czok

 


 

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