Von der endlosen Tragik eines Landes

Am 13. Februar 2015 erscheint im Berliner Aufbau-Verlag der Debütroman Der dunkle Fluss von Chigozie Obioma. Der Autor wuchs in Nigeria auf und lebt aktuell in den USA. Im Rahmen des Lesefestivals Leipzig liest wird er sein Buch am 14. März in der naTo (Karl-Liebknecht-Straße 46, 04275 Leipzig) dem Publikum vorstellen.

Der dunkle Fluss gilt als einer der Spitzentitel im Frühjahr 2015 und erscheint zeitgleich in 7 Ländern. Das folgende Interview wurde Anfang Februar im Vorfeld der Veröffentlichung des Buches geführt.

(Internet: http://www.chigozieobioma.com )

English Version:

Interview Mr. Obioma_english_new

Von Andreas Parnt

der dunkle fluss

Ihr Debütroman Der dunkle Fluss (engl. Titel The Fishermen) erscheint am 13. Februar in Deutschland im Aufbau-Verlag. Desweiteren wird es Lizenzausgaben in Australien, Brasilien, Frankreich, Italien und Spanien geben. Dazu möchte ich Ihnen ganz herzlich gratulieren. Wie fühlt sich das für Sie an?

Vielen Dank. Es ehrt mich und erfüllt mich mit Dankbarkeit und ist zugleich sehr interessant für mich. Ich hatte lediglich einen Verleger für die große englische Leserschaft, also die USA oder Großbritannien, erwartet, aber ich war von dem, was dann passierte, überrascht.

Interessant ist: Die wahrscheinlich größte Begeisterung kommt von den deutschen Lesern! Es gab ein Auktionsverfahren für die deutsche Lizenz mit den Verlegern, welche sich dabei gegenseitig überboten. Dass Menschen einer komplett unterschiedlichen Kultur so positiv auf den Roman reagieren, finde in der Tat sehr spannend.

Sie wurden 1986 in Nigeria geboren. Studierten in Zypern und in den USA. Sie gewannen die Hopwood Awards für fiction und poetry, Auszeichnungen, welche von der University of Michigan, einer der renommiertesten Universitäten der Welt, verliehen werden.Ihre Essays wurden unter anderem im Virginia Quarterly Review, einem renommierten Literatur-Magazin in den USA, veröffentlicht. Wann haben Sie angefangen zu schreiben und aus welchen Gründen?

Ich glaube, ich fing recht früh an zu schreiben, etwa im Alter von 9 Jahren. Ich war so verrückt nach Geschichten, dass ich begann, sie selber zu erzählen, wie ich sie von anderen Menschen gehört hatte, insbesondere von meiner Großmutter oder von meinem Vater und später dann schrieb ich selbst Geschichten. Es gab jedoch einen bedeutenden Auslöser, der mich zum Schreiben brachte.

Ich hatte lange schon Geschichten gehört, meistens von meinem Vater, während einer Zeit in meinem Leben, die ich viel im Krankenhaus verbrachte. Er erzählte mir Geschichten, die (so schien es mir) von Menschen handelten, die entweder in der Vergangenheit lebten oder erfunden wurden, also im Gegensatz zu Folkloregeschichten oder Geschichten über Tierkinder, die ich jedoch als einfache Erzählungen betrachtete und ich wurde ihrer überdrüssig.

Eines Tages, als ich aus dem Krankenhaus kam, bat ich ihn, mir eine weitere Geschichte zu erzählen und er sagte: »Lies sie selbst.« Ich las das Buch, welches er mir gab und sah, dass die meisten vorher von ihm erzählten Geschichten von einem Mann, welcher als »lebendiger Totenkopf« dargestellt wurde, aus dem Buch Der Palmweintrinker von Amos Tutuola stammten. Das war der Auslöser. Nun hatte ich ein Medium, um meine Geschichten auszudrücken: in Worten auf Papier. Das war der Punkt, an dem ich vom Geschichtenerzähler zum Geschichtenschreiber wurde.

Obioma Chigozie
Obioma Chigozie

Was meinen Sie, wie wichtig ist Bildung für die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit?

Die Bildung des Verstandes, des Geistes, der Seele, des Herzens und des Kopfes sind für mich erstrebenswert. Ersteres kann durch alles Mögliche erreicht werden: durch Beobachtungen oder das Erlernen eines Verhaltenskodex einer Gesellschaft oder einfach durch ein akademisches Studium. Das Zweite kommt von ganz tief drin, der Geist formt sich durch Erfahrungen.

Wenn jemand einen Krieg erlebt und überlebt hat, wird seine Belastbarkeit und Widerstandskraft und Hoffnung meist automatisch stärker als bei einem Menschen, der diese Art von Not, in der das eigene Leben über einen gewissen Zeitraum ständig bedroht ist, nicht kennt.

Die Seele geht aus dem Festhalten des inneren Bewusstseins für etwas, vielleicht das philosophische System oder ein Glaubenssystem hervor; sie gibt dem ganzen Wesen ein Maß an Frieden. Was auch immer es ist, die Seele muss nicht in einem Vakuum existieren, muss jedoch auch ausgebildet werden.

Nun zum Herzen: Liebt, liebt innig. Liebt eure Familien, liebt Menschen; habt Freunde. Liebt die Welt. Findet etwas liebenswertes an der Natur. Lasst euch von etwas faszinieren. Lasst euch durch irgendetwas im Universum bewegen. Für mich sind das Tiere, speziell Vögel. Ich kann die meisten nicht halten, gerade weil sie so kostbar sind. Als Kind hatte ich das große Glück einen Pfau zu sehen. Das war so großartig. Liebe erzeugt Empathie; Empathie erfüllt das Herz. Das ist die eine Art von Bildung. Um den Kopf zu bilden, muss man viel leisten, ich denke, durch Lesen oder Studieren, durch ein unermüdliches Verlangen nach Wissen.

Also ja, das formt den Menschen, ich denke jedoch, dass die meisten Menschen nicht alles zusammen ausbilden können und daher mit Lücken im Inneren ihrer selbst leben. Sie sind nicht vollständig. Es gibt für mich zwei Kategorien von Menschen: die vollständigen und die unvollständigen Menschen.

Wie bereits erwähnt, wurden Sie in Nigeria geboren. Die aktuelle Situation in Nigeria ist sehr bedrohlich. Zumindest ist das mein Eindruck, welcher mir durch die Medien vermittelt wird. Die Bevölkerung wird von Boko Haram terrorisiert. Boko Haram ist bekannt für die Ermordung von Christen und Muslimen in Nigeria. Sie setzt sich für die Einführung der Scharia in ganz Nigeria und das Verbot westlicher Bildung ein. Die Opposition in Nigeria wirft der Regierung und dem Militär im Kampf gegen Boko Haram totales Versagen vor. Wie denken Sie darüber? Kann die bevorstehende Präsidentschaftswahl am 14. Februar 2015 entscheidende Veränderungen bringen?

Sie haben ganz Recht. Nigeria steckt in Schwierigkeiten. Das war jedoch schon seit jeher so. Es überrascht mich, dass die Menschen das erst jetzt sehen. Das Land Nigeria ist ein Irrtum, ein Ort, der kein Land sein sollte. Durch Großbritannien in den 1900er Jahren kolonialisiert, hatte Nigeria keine grundlegende Basis für seine eigenständige Existenz. Es ist eher ein Arrangement von verschiedenen Nationalitäten. Die drei größten sind die Igbo (immerhin ungefähr 40 Millionen Menschen), die Yoruba (auch etwa 40 Millionen) und die Hausa, die wohl 70 Millionen Angehörige haben.

Sie sehen also, dass allein die Igbo so viele Angehörige haben wie einige europäische Länder zusammen. Das ist jedoch nur eine Region in Nigeria.

Sie könnten nun fragen, warum man in Stammeskultur und Stammestradition denken muss. Das liegt darin begründet, dass Nigeria wie viele andere Entwicklungsländer die grundlegende Regel der nationalstaatlichen Formierung missachtete, die, gemäß des Politikwissenschaftlers Mostafa Rajai, verlangt, dass eine Nation zuerst eine nationale Identität formen muss, bevor eine politische Autorität entsteht. Dies gilt für die meisten europäischen Nationen nach dem 2. Weltkrieg. Ein Beispiel: Die Franzosen wurden zuerst das französische Volk und dann die Französische Republik.

Nigeria wurde aber erst zum Britischen Staat von Nigeria, bevor es seiner Bevölkerung gestattet wurde, eine Art eigene nationale Identität zu besitzen. Dies war jedoch größtenteils unwirksam. Die meisten Nigerianer sind an erster Stelle loyal hinsichtlich ihrer eigentlichen Nationalität (zum Beispiel: die Igbo zu ihrer Igbo-Nationalität) oder ihrer Stammesvolk-Identität, bevor sie sich mit Nigeria als Staat identifizieren können. Daher ist es nahezu unmöglich, einen wahren Patriotismus für das Land zu entwickeln. Solch eine Einheit von nationalem Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung zu formen, ist nachweislich zu kompliziert in Nigeria. Aus diesem Grund scheint niemand das Land genug zu lieben, um dafür zu kämpfen. Die Soldaten der nigerianischen Streitkräfte fliehen beim bloßen Anblick unausgebildeter Boko Haram-Soldaten. Deswegen scheitert das Land kontinuierlich in allem.

(Anm. Vielleicht ist es aber genau das, was manche Kräfte im Norden Nigerias sogar wollen. Dort befürchtet man seit längerem, dass der christliche Süden die Macht und die Reichtümer des Landes monopolisieren könnte. Deshalb gibt es immer wieder Vermutungen, dass Boko Haram im Norden mächtige Fürsprecher hat, die den Präsidenten mit Bomben unter Druck setzen sollen.)

Aus diesen Gründen lässt ein verblendeter und hilfloser Präsident, welcher am Niger-Delta im Süden Nigerias aufwuchs, den Norden des Landes bombadieren. Aus diesen Gründen können die Gefühle der Stammesvölker nicht aus der Politik Nigerias gelöscht werden. Aus diesen Gründen kann ein kleines Land wie der Tschad Boko Haram bekämpfen, aber Nigeria kann es nicht. Aus diesen Gründen kann auch nicht der Wahlausgang der nächsten Woche, welcher allein schon gefährlich genug ist, eine Nation heilen, die einer zusehends ausichtsloseren Zukunft entgegen blickt.

Und es scheint, als ob nichts getan werden kann, weil die Menschen in Nigeria selbst und die ganze Welt sich weigern zu sehen, dass Nigeria so nicht haltbar ist. Sie haben schlicht und einfach nicht den Willen, für Nigeria zu kämpfen, niemand hat ihn. Außerdem gibt es die Korruption: ein unglaublich durchdringendes Phänomen in Nigeria, das so tief geht, dass die Anführer der Armee oft beschuldigt werden, die Mittel für die Kriegsweiterführung für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Welche Gründe waren ausschlaggebend für Sie, das Land zu verlassen?

 Es gab viele Gründe, aber der entscheidenste war, dass ich dachte, ich könnte außerhalb von Nigeria besser schreiben. Ich denke, ich hätte diesen Roman nicht geschrieben, wenn ich weiterhin in Nigeria leben würde. Ich hätte den Roman nicht so fühlen können, wie ich ihn jetzt fühle, wenn ich noch immer in Nigeria wäre. Die Erinnerungen an das Land sind fest in meinem Gedächtnis verankert. Und so konnte ich einen scharfen Kontrast zwischen diesen Bildern zum einen und zum anderen den vertrockneten Ebenen, der dünnen Besiedlung und dem trostlosen Blattwerk der Zedern, also der Realität, sehen. Dieser Gegensatz hat meine Wahrnehmung von Nigeria geschärft, so sehr, dass es schien, als ob ich etwas erspähe, das in meiner Vergangenheit passiert ist, für das mir aber die Erinnerung fehlte. Mir schien, als konnte ich dabei die Stimmen vergangener Tage hören.

Lassen Sie uns nun über Ihr Buch sprechen. »The Fishermen« spielt in Nigeria in den 1990er Jahren. Es ist die Geschichte von vier Brüdern, erzählt von dem Jüngsten von ihnen. Gibt es Parallelen zu Ihrer eigenen Geschichte? Oder anders gefragt: Inwieweit verarbeiten Sie Ihre eigenen Erlebnisse in dem Buch?

Ich lebte seit zwei jahren auf Zypern, als ich 2009 einen Anruf meines Vaters erhielt. Er erzählte mir, dass meine zwei ältesten Brüder, die im selben Jahr geboren wurden, sich als Kinder ständig bekämpften. Mein Vater sagte, dass sie sich nun so nahestünden, dass sie miteinander Urlaub machten. Als fünftes von zwölf Kindern bin auch ich durch das Stadium der Geschwisterrivalität gegangen, was manchmal Kämpfe und kleine gewaltätige Aktionen bedeutete. Der Anruf meines Vaters brachte mich dazu, diese Zeit meines Lebens, als wir es gewohnt waren miteinander zu kämpfen, zu reflektieren. Dies führte mich dann zu der Frage, was eine eng verbundende Familie auseinanderbringen und zerstören kann. Letztendlich, nach einer Reihe an Möglichkeiten, legte ich mich auf einem dem Wahnsinn verfallenen Menschen als Schlüsselfigur fest, welcher Visionen hat und allein durch die Kraft der Prophezeiung eine Familie zerstört.

Obwohl also der Roman durch meine Brüder inspiriert wurde und eine Hommage an sie ist, ist der größte Teil Fiktion. Während ich mich am ehesten mit dem Charakter Benjamin, dem jüngsten der vier Brüder, identifizieren könnte, ist er nahezu vollständig losgelöst von mir zu betrachten. Ja, wir teilen die gleiche Faszination für außermenschliche Wesen und den Glauben, dass, was auch immer in dieser Welt existiert, stets in Verbindung mit etwas anderem existiert.

Nichts entsteht aus dem Nichts heraus. Er sieht die Welt jedoch nicht wie ich sie sehe. Ich bin genauso abergläubisch wie Ikenna; so verspielt wie Boja und so literaturbegeistert wie Obembe. In jedem von ihnen finden sich die unterschiedlichen Eigenschaften meiner Geschwister wieder.

Das Buch ist (jedoch) mehr als nur eine Familiengeschichte. Es ist ein Roman über Afrika. Sie beschreiben detailliert die Schönheit ihres Heimatlandes und thematisieren zugleich all seine ökonomischen, politischen und religiösen Wiedersprüche. Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie an Nigeria denken? Und was überhaupt nicht?

Nigeria vermisse ich nicht wirklich, aber meine Familie und Freunde fehlen mir sehr und ich versuche, eng mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Menschen vermissen nicht die Dinge, welche sie nicht lieben. Ich kann Nigeria nicht lieben. Meine Liebe gehört jedoch Afrika, trotz der Rückständigkeit. Es ist ein lebendiges Land mit wunderbaren Menschen. Es ist ein wunderschöner Ort.

Wird Ihr Buch auch in Nigeria erscheinen?

Im Augenblick haben wir keinen Verlag in Nigeria und werden letztendlich vielleicht auch keinen finden. Es ist eine Schande, aber die Wahrheit ist, dass Afrikaner nicht zum Vergnügen lesen und selbst wenn sie es täten, ist Nigeria ein zu korrupter Ort für eine überlebensfähige Verlagsindustrie.

Ich habe immer gesagt, dass ich dieses Buch nicht einfach nur für Nigerianer schreibe, warum ich auch so erfreut über die internationale Plattform bin, die sich hier eröffnet. Es ändert sich vielleicht gerade, aber wir Westafrikaner lesen einfach nicht.

Es gibt ein Sprichwort, das besagt: Wenn du etwas vor einem Afrikaner verstecken möchtest, lege es in ein Buch. Ob Sie es glauben oder nicht, fünf mal so viel Amerikaner wie Nigerianer haben das Buch Things Fall Apart (deutsch: Okonkwo oder Das Alte stürzt; der erste Roman des nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe) gelesen. Deswegen existieren in einer Nation von 140, 160 oder 180 Millionen Menschen, je nachdem, wen man fragt, lediglich zwei oder drei (?) funktionierende Verlagsgesellschaften. Und es wird sogar noch schlechter. Was einst eine gedeihende, engagierte Literaturkultur war, ausgelöst durch die großen Wegbereiter wie Achebe, Soyinka, Tutuola, Elechi Amadi als Beispiel, ist nun heruntergekommen und setzt Staub an. Die intellektuelle Faulheit, die unter den Menschen meiner Generation wuchert, ist schlicht und einfach bestürzend.

Im Rahmen Ihrer im März stattfindenden Lesereise werden Sie in mehreren deutschen Städten Station machen. Darunter München, Berlin, Köln, Stuttgart und, zu meiner großen Freude, in Leipzig. Das klingt sehr aufregend, aber zugleich auch stressig. Werden Sie sich die Zeit nehmen können, um die eine oder andere Stadt etwas näher zu erkunden?

Ich bin sehr glücklich Deutschland besuchen zu dürfen. Ich weiß, dass es sehr anstrengend wird, aber nach den Lesungen habe ich noch zwei zusätzliche Tage in Deutschland. Tage, welche ich hoffentlich zur Erkundung des Landes nutzen kann. Ich freue mich Berlin zu sehen, den wunderbaren Kölner Dom und vielleicht sogar das Station des FC Bayern München. Aber am meisten freue ich mich, all die Menschen zu treffen, welche sich entschieden haben, mein Buch Der dunkle Fluss zu lesen.

Beantworten Sie mir bitte eine letzte Frage: Wenn Sie kein Schriftsteller geworden wären, was wäre dann Ihr Beruf?

Ich würde höchstwahrscheinlich Fußball spielen, aber das wäre dann doch recht weit hergeholt. Vielleicht wäre ich auch eine Art Künstler, oder ein Ingenieur oder vielleicht sogar ein Bauer – ich liebe es, Sachen, welche noch nicht existieren zum Leben zu erwecken. Und ich hoffe immer noch, eines Tages eine Farm zu besitzen, egal wie klein diese auch wäre. Ich mag es, einfach irgendwas zu nehmen und von einem Ort zu einem anderen zu bringen, so wie es Transporteure oder auch Fischer tun. Tja, und vielleicht wäre ich sogar ein Fischer.

 

 

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