Vom Leben in Berlin-Neukölln

Felix Lobrecht stellt im Täubchenthal seinen Debütroman »Sonne und Beton« vor.

Das Licht geht aus. Dann Applaus. Felix Lobrecht betritt die Bühne. Wer ihn schon von anderen Auftritten kennt, denkt sich: Ja, der passt nach Berlin Neukölln. Schwarze Röhrenjeans, weiße Turnschuhe, Goldkettchen, ein Ring durch die Nase. Der Saal ist bis auf ein paar Plätze voll besetzt. Das Publikum ist gut drauf. »Felix, du weißt, dass Du es noch nicht geschafft hast, wenn jeder noch nen zweiten Stuhl für seine Jacke hat«, kommentiert Lobrecht, als er die leeren Stühle bemerkt. Er ist aufgeregt an diesem Abend. Das gibt er auch ganz offen zu, schließlich unterscheide sich eine Lesung von einem normalen Comedy-Auftritt. Generell sei er nur zwei Mal aufgeregt gewesen: Bei seinem Auftritt bei der »Comedy Nacht XXL« in der Kölner Lanxess Arena vor 50.000 Besuchern und: an diesem Abend.

Loberecht in action. © Annika Sparenborg
Lobrecht in action. © Annika Sparenborg

Nach zwanzig Minuten Stand-up-Comedy greift er das erste Mal zu seinem Buch. »Sonne und Beton« handelt vom Leben vier Jugendlicher in Berlin Neukölln. Der Ich-Erzähler ist Lukas. Trotz einiger Gemeinsamkeiten zu Lukas stellt Lobrecht klar, dass es sich nicht um eine Autobiografie handelt. Die erste Szene, die er vorliest, spielt an einem ganz normalen Schultag auf einer Neuköllner Realschule. Ein unerfahrener Referendar steht vor einer Klasse voller Chaoten. Durchsetzen kann er sich nicht, die Schüler tanzen ihm auf der Nase herum. »Was man in Berlin Neukölln Lehrer‹ nennt, nennt man im Rest der Republik ›Abgebrochene Ausbildung zum Gerüstbauer‹.«

Obwohl Felix Lobrecht in der Comedy zu Hause ist, ist dieses Buch nicht ausschließlich lustig. Es geht um viele ernste Themen: Väter, die ihre Kinder misshandeln, der frühe Tod der Mutter, der soziale Brennpunkt Berlin-Neukölln, Drogen- und Alkoholmissbrauch. »Sonne und Beton« ist sprachlich sicher kein Meisterwerk. Das wäre allerdings auch absolut unpassend, die Art des Sprechens in Neukölln ist halt nicht so hochgestochen wie in Charlottenburg. Felix Lobrecht sagt dazu, er wolle aus dem echten Leben erzählen, die Situationen nicht blumiger machen, als sie sind. Diese Grundintelligenz setze er bei seinem Publikum voraus. Die zwei Stunden vergehen viel zu schnell. Die ganze Zeit hängt das Publikum an seinen Lippen. Es wird viel gelacht. Man hätte Felix Lobrecht noch stundenlang zuhören können. Am Ende des Abends wendet er sich noch an sein Publikum. Er schickt seine »Assistentin« mit einem Mikro durch den Saal, seine Fans haben die Chance ihm Fragen zu stellen. Zuvor diskutierte er während seiner Lesung mit der von ihm so getauften Svenja aus dem Publikum, die tatsächlich vom Pferd gefallen war und nun mit einer Aluminiumplatte im Arm in der ersten Reihe des Publikums saß und ihn anschmachtete. Nach einem Abend, an dem Tränen gelacht wurden, verlassen die Zuhörer den Saal mit zwei Gedanken: Wann kommt endlich das Hörbuch zum Buch? Und: 1,70 m ist eine gute Größe für einen mitteleuropäischen Mann. Davon jedenfalls konnte das Publikum Lobrecht überzeugen und ihm damit ein wenig über seinen Körpergröße-Komplex hinweghelfen.


Die Veranstaltung: Felix Lobrecht liest aus seinem Roman Sonne und Beton, Täubenchthal, 22.3.2017.

Das Buch: Felix Lobrecht: Sonne und Beton. Ullstein, Berlin 2017, 221 Seiten, 18,00 Euro, E-Book 14,99 Euro


Annika Leipzig liest1

 

 

Die Rezensentin: Annika Sparenborg

 


 

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