Vom Ableben zwischen Fön und Haarspray

Tommy Schmidt über seinen Roman »Heaven’s Gate« und darüber, wie das Sterben in Zukunft gestaltet werden kann.

Am Freitagabend mache ich mich auf dem Weg zum Friseur »Reds« in der Leipziger Hainstraße. Keine Sorge, es folgt nun kein Bericht über neue Haarpflegeprodukte. Ich gehe dorthin, um die Lesung von Tommy Schmidt zu seinem neuen Roman »Heaven’s Gate« zu besuchen. Eine Lesung in einem Friseursalon habe ich bisher auch noch nicht erlebt.

In Schmidts Roman geht es um das Thema Tod, genauer gesagt darum, wie der Mensch sein Ableben gestalten kann. Die bessere Alternative zu einem langwierigen Aufenthalt in einem Heim sei das Heaven’s Gate, ein Institut für »freundliches Sterben«. Es handelt sich um eine von Schmidt erdachte Einrichtung, die aktive Sterbehilfe anbietet. Im Gegensatz zu einem Seniorenheim beherbergt sie ihre Gäste nur drei Monate, bevor deren Leben endet. Der Betreffende ist hier allerdings vielmehr Gast eines Luxushotels statt Patient in einem Heim. Es kommt darauf an, die letzten Monate zu einer einzigen großen Party zu machen, um das Leben mit Würde und Selbstbestimmtheit zu beenden.

Tommy Schmidt (links) im Gespräch bei der Lesung. © Maximilian Plettenberg
Tommy Schmidt (links) im Gespräch bei der Lesung. © Maximilian Plettenberg

Die Veranstaltung beginnt so ungewöhnlich, wie der Lesungsort selbst ist: Schmidt, Jahrgang 1960 und bekannt als Medien- und Aktionskünstler, startet eine Präsentation über die Einrichtung Heaven’s Gate und erzeugt den Eindruck eines Treffens von Investoren zu entsprechenden Bauvorhaben. Der Autor verteilt sogar Flugblätter der Einrichtung im Publikum und spricht über eine »Zertifizierung nach ISO 9001«. »Wann ist es Zeit für das Ableben? Wenn Verbitterung einsetzt? Zu früh. Bei multiplem Organversagen? Zu spät.« Ob jemals derartige Gespräche zwischen Haarfärbemitteln und Shampoo geführt wurden? Während die Zuhörer diesen Abschnitt noch als Satire wahrnehmen und die Stimmung gelöst ist, schlägt der Autor dann einen ernsteren Ton an.

© CulturBooks
© CulturBooks

Schmidt liest ausgewählte Auszüge aus seinem Roman. Darin beschreibt er die letzten Lebensjahre von Protagonist Lasse Wiesenthal, der unheilbar krank ist. Es geht hierbei unter anderem um Lasses Erfahrungen mit dem Tod in seinem Umfeld, um eine Szene mit einer an ihm vorgenommenen Tiefenhirnstimulation und schließlich um seinen Aufenthalt im Heaven’s Gate. Dort verbringt er seine letzten Lebenstage. Immer wieder pendelt der Ton dabei zwischen Komik und Tragik. Die letzten Kapitel des Romans erreichen den Leser dann komplett auf emotionaler Ebene. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Es verwundert nicht, dass nach der Lesung eine Diskussion zwischen Autor und Teilen des Publikums einsetzt über die Gestaltungsmöglichkeiten des Sterbens. Man bespricht sogar schon Schritte, die zu einer Gesetzesänderung in puncto Sterbehilfe in Deutschland führen könnten. Ist dieser Roman wirklich nur Satire, wie es der Klappentext ankündigt? Das Interesse an einer Einrichtung wie dem Heaven’s Gate scheint jedenfalls vorhanden zu sein.

Beitragsbild © Clemens Patzwald (Ausschnitt)


Die Veranstaltung: Tommy Schmidt liest aus Heaven’s Gate, Reds Friseursalon, 24.3.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Tommy Schmidt: Heaven’s Gate, CulturBooks, Hamburg 2017, 356 Seiten, 15,00 Euro, E-Book 9,99 Euro


Der Rezensent: Maximilian Plettenberg


 

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