Verliebt, Versetzt, Verschmachtet

Leipzig lauscht in die Vergangenheit: Im Literaturcafé im Leipziger Haus des Buches lassen Herausgeber und Autoren der Gedichtsammlung »Unmögliche Liebe« den Herzschmerz der mittelalterlichen Liebeslyrik in neuen Übersetzungen auferstehen.

© Hanser Verlag

»Vergêt si aber mich, das clage ich iemer mê«, beendet Tristan Marquardt die etwa 800 Jahre alte Klage Reimars des Alten und das insgesamt überraschend junge und studentische Publikum im Literaturcafé des Literaturhauses Leipzig hat etwas Zeit, die ersten Verse Mittelhochdeutsch des Abends auf sich wirken zu lassen. Zusammen mit dem Dichterkollegen Jan Wagner hat Marquardt im September 2017 die Gedichtsammlung »Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen« im Hanser-Verlag herausgegeben. Es ist ein echtes Gemeinschaftsprojekt der aktuellen deutschsprachigen Lyrikszene: 70 Übersetzerinnen und Übersetzer bringen über 140 Werke aus dem Mittelalter als neue Gedichte in die Gegenwart. Der obige Vers lautet in der Übertragung von Christian Filips dann so: »Wenn sie mich aber nicht betastet: Ach. Und O.« Darunter kann sich das Publikum im Literaturcafé schon mehr vorstellen und ein allgemeines Schmunzeln geht durch die Stuhlreihen. Neben Wagner und Marquardt lesen auch der in Leipzig lebende Dichter Andre Rudolph und Ulrike Draesner, Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, ihre Übertragungen aus dem Buch vor. Frieder von Ammon, ebenfalls Professor der ansässigen Universität, moderiert den Abend und assistiert bei den Gedichten mit seinem Mittelhochdeutsch.

Ulrike Draesner liest ihre Übersetzung von »Unter der linde«. © Martin Lindner

Bevor es mit den Minneliedern losgeht, erklärt Tristan Marquardt, der aktuell in mittelalterlicher Literatur promoviert, noch den Kern dieser Gattung, das sogenannte Minneparadox: »Ein Mann liebt eine Frau und wirbt um sie, da sie in seinen Augen die Beste und Schönste ist. Das ist gleichzeitig der Grund, warum er sie nie bekommen kann«. Aus diesem Dilemma sei eine unglaubliche Produktivität entstanden. Und so versuchen die Lesenden das Publikum im Haus des Buches zu überzeugen, dass im Minnesang mit den Liebenden nicht klischeehaft »immer das Gleiche passiert – nämlich gar nichts«, wie Ulrike Draesner es einmal ironisch zuspitzt, sondern dass das alte und neue, unermüdliche Besingen der meist nicht erwiderten Liebe ein »buntes Porträt stilistisch unterschiedlichster Stimmen« ist, wie Jan Wagner es ausdrückt.

In der ersten Hälfte des Abends zeigt sich durch die Fragen Frieder von Ammons, wie schwer es ist, einerseits bei immer ähnlichen Motiven eine facettenreiche Textsammlung zusammenzustellen und andererseits als Lyriker einen mittelalterlichen Text neu zu dichten und doch die Vorlage nicht zu entstellen. Danach bieten die Lesungen tatsächlich ein abwechslungsreiches Porträt des Minnesangs. Da ist Andre Rudolph, der resigniert die aussichtslose Lage des Verehrers in einem Lied des Dichters Der Tannhäuser ins Mikrofon fast knurrt: »Ich muss dem Mond seinen Schein / nehmen, will ich sie haben«, und so für seine Darstellung den ersten Szenenapplaus des Abends bekommt. Oder Ulrike Draesner, die auch den Frauen in den Gedichten eine spielerisch-selbstbewusste Art gegenüber den meist hoffnungslosen Liebhabern verleiht. Bei Wolfram von Eschenbach hat der Ritter auch einmal Glück. Im Duett mit Frieder von Ammon als Wächter besteht die von Draesner gesprochene Dame darauf: »mein liebster, der bleibt hier«, obwohl der Tag anbricht und das Rendezvous entdeckt werden könnte. Jan Wagner zeigt auch die trotzigen, nicht mehr ganz gewogenen Töne von frustrierten Sängern, wie bei einem von Judith Zander übersetzten Gedicht von Neidhart: »meine dame ist etwas charakterschwach / wer ihr dient, der kriegt nur kranken lohn beschert«, heißt es da nur noch. Tristan Marquardt liest zweisprachig und die ungewöhnlichen I- und Sch-Laute des Mittelhochdeutschen kitzeln in den Ohren der Literaturcafé-Zuhörer.

Tristan Marquardt und Jan Wagner (von links) lesen die Übertragung eines Minneliedes von Heinrich von Morungen im Duett. © Martin Lindner

Kurzum, die von wortgetreu bis mit Popsong-Zitaten übersetzten Minnelieder in »Unmögliche Liebe« ziehen in ihren Bann, gerade weil sie denselben großen Herzschmerz immer wieder anders ausdrücken. So wirken sie eingängig. Vers. Für Vers. Die Zuhörer im Haus des Buches kommentieren die einzelnen Klagen der Männer mit einem Schmunzeln oder geben sich an diesem immer noch schwülheißen Donnerstagabend einfach der geistigen Freude hin und lauschen bedächtig, mit in sich gekehrtem Blick. Die fast schon sture, leidende Treue zur mittelalterlichen Herzensdame in den alten und neuen Gedichten scheint wie ein kunstvoller Fingerzeig, in einer Zeit, in der die oder der Angebetete auch nur mit einem Wisch über das Smartphone ausgewechselt werden kann.

Beitragsbild: Zum Abschluss des Abends fragte Moderator Frieder von Ammon (Mitte) alle Beteiligten noch nach ihrem Lieblingsstück aus der Gedichtsammlung: Der Dichter Andre Rudolph, die Autorin Ulrike Draesner (von links) und die beiden Herausgeber Jan Wagner und Tristan Marquardt (von rechts). © Martin Lindner


Die Veranstaltung: »Unmögliche Liebe« Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Mit Jan Wagner, Tristan Marquardt, Ulrike Draesner und Andre Rudolph, Moderation: Frieder von Ammon, Literaturcafé des Literaturhauses Leipzig, 31.5.2018, 19.30 Uhr

Das Buch: Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Zweisprachige Ausgabe, Herausgegeben von Jan Wagner, Tristan Marquardt, Hanser Verlag, München 2017, 304 Seiten, 32 Euro


 

Der Rezensent: Martin Lindner

 

 


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.