Verborgen im Lichtschacht

Vergangenes Jahr erschien der Roman „Lichtschacht“ von Anne Goldmann bei Ariadne im Argument Verlag. Anlässlich des Lesefestivals Leipzig liest ist die Wienerin am 13. März 2015 nun zu Gast in Leipzig. Leipzig lauscht hat vorab ein Interview mit ihr geführt.

In „Lichtschacht“ geht es um Lena, die ein neues Leben anfangen möchte und sich dazu mit verschiedenen Jobs über Wasser hält. Eines Abends beobachtet sie drei Leute auf dem Dach des Nachbarhauses. Plötzlich sind es nur noch zwei. Die dritte Person ist verschwunden. Wurde Lena Zeugin eines Verbrechens?

von Tim Reischke

Anne Schöffmann
„Ich verstehe das nicht. Heute wird nicht mehr geredet. Jeder trägt alles allein“, fragt sich der Hausbesorger (Hausmeister) in „Lichtschacht“ und beschreibt damit die allgegenwärtige Einsamkeit, unter der die Personen im Roman leiden. Widerspricht die Anonymität der Großstadt der menschlichen Sehnsucht nach Liebe und einem intakten Freundeskreis?

Für jemanden, die – wie Lena in meinem Roman – jung und völlig ungesichert im Leben steht, ihren Wahrnehmungen, den eigenen Gefühlen nicht trauen kann, ist die Großstadt kein guter Boden. Sie lässt sich ja von ihren Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten leiten, von Äußerlichkeiten blenden. Will Nähe, Liebe und Sicherheit, sich dabei aber nicht festlegen… Das muss schiefgehen.
Die Leute um Lena sind wie sie ständig auf Achse, mit etwas beschäftigt, auf dem Sprung. Jemanden wirklich kennenzulernen, eine Liebesbeziehung, eine Freundschaft aufzubauen, braucht aber Weile, Geduld und Achtsamkeit. Erfordert Mut. Man muss sich öffnen, sich zeigen – und Stück für Stück auf den anderen einlassen. Das weiß der Hausbesorger Goran Matić. Er hat Zeit. Kocht Kaffee. Isst mit Lena. Hört zu. Packt, wenn nötig, mit an. Und nimmt Lena, wie sie ist.
Liegt es also tatsächlich nur an der Umgebung? Bietet die Familie, das Dorf – gewachsene überschaubare Strukturen – all das, was die Großstadt einem scheinbar versagt? Ich misstraue dem Idyll. Wer sich hier nicht einfügt, anpasst, wird schnell zum Außenseiter. Eine Familie zu haben, am Dorfleben teilzunehmen, bedeutet nicht zwangsläufig Angenommensein und Geliebtwerden. Einsamkeit schmerzt hier um nichts weniger als in der Stadt.

Um Ihre Ausbildung zu finanzieren, waren Sie selbst auf diverse Nebenjobs angewiesen. Sie arbeiteten beispielsweise als Kellnerin oder Zimmermädchen. Inwieweit haben diese Erfahrungen geholfen, Ihre Protagonistin Lena besser zu verstehen?

Mein Blick auf die Welt und auf die gesellschaftlichen Unterschiede wurde früh geschärft. Ich komme aus einer Großfamilie, wir haben bereits als Kinder auf dem Hof mitgearbeitet. Die meisten meiner Geschwister haben eine Lehre absolviert und sich später noch weitergebildet. Ich habe aus eigenem Erleben (ich habe auch Zementsäcke geschleppt und in der Gastronomie Kühlhaus wie Keller sauber geschrubbt) großen Respekt vor jedem, der manuelle Arbeit leistet. Und vor jedem, der sich unter schwierigen Umständen durchs Leben schlagen muss.
Damit meine Protagonisten mich berühren, bewegen, mir ans Herz wachsen, ich – und hoffentlich auch der Leser, die Leserin – mit ihnen bangen und mich freuen kann, muss ich ihre Lebensumstände, ihre Welt gut kennen. Das kann man sich m. E. nicht anlesen, nicht recherchieren. Wenn ich weiß, was eine bestimmte Situation verlangt, wie sich etwas anfühlt, kann ich daran gehen, eine ganz bestimmte Persönlichkeit da hineinzustellen. Eine gelassene 45-Jährige wird ganz anders reagieren als ein junges Mädchen mit wenig Lebenserfahrung; ein Mann, der sich nichts gefallen lässt, anders als ein schüchterner Junge.

U1_1220_Goldmann_Lichtschacht_vsBei der Vorbereitung auf dieses Interview las ich, dass sich die Grundidee zu „Lichtschacht“ praktisch vor Ihrem Fenster ereignete. Wie war das genau?

Ich wohne seit ein paar Jahren ganz oben: Fünfter Stock, Blick über die Dachlandschaft. Mit Rabenkrähen als Nachbarn. An einem Frühlingstag saßen plötzlich auf einem Dach, nicht weit entfernt, drei Leute, die augenscheinlich etwas zu feiern hatten. Sie wirkten ausgelassen, tranken und prosteten einander zu. Das Dach neigt sich steil nach unten. Ich war tatsächlich ein bisschen nervös…
Aber dann: Eine geniale Einstiegsszene! Der perfekte Mord: Jemand wird vom Dach gestoßen und verschwindet in einem Lichtschacht. Was könnte das Motiv sein? Und womit bringt die Täterin oder der Täter die Person, die noch mit ihm oder ihr da sitzt, dazu zu schweigen? Das Verbrechen braucht natürlich eine Zeugin. Wer ist das und wie geht sie mit dem Gesehenen um? Was macht das mit ihr? Und schon lief der Film …

Wie lange haben Sie an „Lichtschacht“ geschrieben und was war der schwierigste Teil der Arbeit?

Das lässt sich nicht so einfach sagen. Die Ausgangsszene und Ideen, was sich daraus machen ließe, waren schon da, als ich noch an „Triangel“ gearbeitet habe. Die neue Geschichte musste also noch warten – und reifen. Der Plot, das Entwickeln der Personen ging relativ schnell. Geschrieben habe ich dann etwa ein dreiviertel Jahr. Ich mache das ja in meiner Freizeit, nachts und am Wochenende. Ich muss erst den – meist recht intensiven – (Arbeits)Tag hinter mir lassen und den Kopf frei kriegen, damit es gut läuft. Nachdem ich den Roman abgeschlossen hatte, blieb er ein Weilchen liegen. Abstand ist wichtig. Dann ging es ans Überarbeiten, Streichen, Kürzen, Umschreiben. Der schwierigste Teil für mich ist immer, an den Punkt zu kommen, wo ich sage: Ist gut jetzt. Und das Manuskript meinem Verlag vorlege.

Auf dem Klappentext vergleicht man Sie mit Alfred Hitchcock und Patricia Highsmith. Welchen Einfluss hatten diese beiden Erzähler auf Sie? Welche anderen Autoren zählen Sie zu Ihren Vorbildern?

Ich habe eigentlich keine Vorbilder, lese viel, auch Lyrik, aber nur selten Krimis oder Thriller. Ich mag Schriftsteller, die genau hinschauen, mir etwas entdecken, achtsam mit Sprache umgehen und mich überraschen. Zu viele, um Namen zu nennen.
Ich liebe Kino. Die Geschichte, die ich erzählen will, läuft üblicherweise wie ein Film vor meinen Augen ab. Beim Entwickeln. Beim Schreiben. Ich sehe die Personen vor mir, die jeweilige Situation. Erzähle nicht, was geschieht, sondern versuche zu zeigen, was sie tun. Wenn die Bilder im Kopf der Leserin/des Lesers zu laufen beginnen, ist die Umsetzung geglückt.

Neben Ihrer Tätigkeit als Autorin betreuen Sie Sträflinge nach der Haft. Ist es ein Traum, irgendwann ganz vom Schreiben leben zu können oder wollen Sie auf einen zweiten Beruf nicht verzichten?

Ich liebe beides gleichermaßen, die Arbeit mit meinen Klienten und das Schreiben. Ich arbeite mit Menschen in Extremsituationen. Es ist eine sehr schöne, intensive Arbeit, die fordert, spannend ist und nachhaltig wirkt. Nicht schreiben zu müssen (weil ich nicht gezwungen bin, davon zu leben), sondern schreiben zu dürfen, ist ein großes Stück Freiheit. Ich kann mir Zeit lassen und die Arbeit an einem Roman genießen.

2011 erschien ihr Debütroman „Das Leben ist schmutzig“, nachdem Sie zuvor viele Ihrer Texte verworfen hatten. Mit welchen Hindernissen mussten Sie auf Ihrem Weg als Schriftstellerin kämpfen?

Nachdem ich wieder zu schreiben begonnen hatte (das war vor ein paar Jahren), ist eigentlich alles unglaublich gut gelaufen. Zum einen: Es hat mich richtig gepackt. Nach etwa zwei Dritteln der Geschichte wusste ich, dass ich den Roman (ich hatte davor durchweg Kurztexte geschrieben) abschließen werde.
Ich habe dann zahlreiche Verlage kontaktiert. Neben den üblichen freundlichen Absage-Briefen kamen teils sehr konkrete Rückmeldungen, was eher unüblich sein dürfte, wie ich heute weiß. „Das Leben ist schmutzig“ ist tatsächlich ganz untypisch für einen Krimi und schwer einzuordnen. Es gab durchaus Lob, aber keinen Vertrag. Einzelne Verlage gingen auf Schwächen des Textes ein – ein kostenloses Lektorat, ohne selber davon zu profitieren. Das fand ich großartig. Dafür bin ich heute noch dankbar.
Ich habe viel gekürzt, gestrichen, umgeschrieben, den „neuen“ Text schließlich einem Agenten anvertraut – und ein knappes Jahr später „hatte“ ich meinen Verlag. Und hielt bald darauf mein erstes Buch in Händen. „Das Leben ist schmutzig“ ist wie „Triangel“ und „Lichtschacht“ bei Ariadne im Argument Verlag, Hamburg, erschienen, wo ich mich sehr gut aufgehoben fühle.
Das Zittern vor den ersten Kritiken (so denn das Buch überhaupt bemerkt werden würde) hat sich als müßig erwiesen. Mein Erstling wurde sehr gut aufgenommen. Natürlich, das ist mir sehr bewusst, muss man auch Glück haben. Viele wunderbare Texte werden ja nie veröffentlicht…

Ein Geheimrezept für Schriftsteller gibt es bekanntlich nicht. Was sollten Nachwuchsautoren Ihrer Meinung nach beachten, wenn sie selbst einen Roman schreiben wollen?

Im Idealfall sind Schreiben (und Lesen) bereits feste Bestandteile ihres Lebens. Die große Form verlangt Ausdauer und Geduld – auch mit sich selber. Ein solides Handwerkszeug ist von Vorteil, vor allem, wenn man vorhat, Regeln zu brechen. Das Wichtigste: Eine Geschichte, die einen selber gepackt hat, die man unbedingt erzählen will. Und dann: Schreiben. Schreiben. Schreiben. Verschiedenes Ausprobieren. Nicht aufs Publikum, auf Verkaufszahlen schielen. Einen eigenen Ton finden. Seitenweise streichen, auch wenn das Herz blutet. Den Text eindampfen. Umschreiben. Notfalls neu beginnen. Kritik ist ein Geschenk! Weiterschreiben. Immer weiter. Sich nicht beirren lassen. Daran glauben.
Aber Sie haben natürlich recht – es gibt kein Rezept. Man kann es also auch ganz anders anfangen.


Anne Goldmann auf der Buchmesse:

Freitag, 13. März, Die Bühne in Halle 5, Stand C404, 13:30–14:00 Uhr.

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