Ups, ein Pups

Seit Anfang September steht Yael Adlers neues Sachbuch »Darüber spricht man nicht« auf Platz 1 der Spiegel Beststellerliste. Die Berliner Dermatologin und Expertin für Geschlechtskrankheiten rückt darin jeglichen Tabuzonen des menschlichen Körpers zu Leibe und nimmt ihren Lesern mit humorvoller und unverblümter Art und Erzählweise die Angst, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. In ihrem interaktiven Vortrag in der Leipziger Lehmanns-Filiale spricht sie offen über Pupse und andere Peinlichkeiten.

 

Ich betrete die Leipziger Lehmanns-Filiale und steuere geradewegs auf die Kasse im Erdgeschoss zu, um mein Ticket für die heutige Lesung abzuholen. Als ich es in den Händen halte, frage ich die Kassiererin, ob die Lesung in einer der oberen Etagen stattfindet. Sie verneint und zeigt auf einige Plastikstuhlreihen hinter mir, die vor einem kleinen Podest an der Treppe aufgestellt sind. Etwas überrascht nehme ich Platz und schaue mich um. Zwischen diversen Büchertischen, Regalen und Infosäulen im Erdgeschoss fehlt mir das erhoffte gemütliche Ambiente. Schade. Dennoch bin ich gespannt, denn die Organisatorin kündigt einen »mysteriösen Abend« an. Das klingt vielversprechend.

Dr. med. Yael Adler, Autorin und Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten. © Thomas Duffé

Die Autorin Dr. med. Yael Adler erhält das Wort und begrüßt das Publikum mit ihrer warmen Stimme. Ihre sympathische Ausstrahlung trägt dazu bei, dass ich mich doch noch behaglich fühle, obwohl die Themen, über die sie in den nächsten 90 Minuten sprechen wird, so manche Scham und Unbehagen bei ihren Zuhörern auslösen dürfte – das vermute ich zumindest. Als Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten wird die Berlinerin jeden Tag mit den unterschiedlichsten Leiden und skurrilsten Unfällen konfrontiert und hat sich zur Aufgabe gemacht, ihre Patienten und Leser zu motivieren, offen über peinliche Themen und Tabuzonen zu sprechen und bei akuten Beschwerden ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ihr Ziel ist es, den Betroffenen durch Überwindung ihrer Hemmschwellen Lebensqualität zurückzugeben. Gleichzeitig sollen auch andere Menschen durch Aufklärung vor übertragbaren Krankheiten wie beispielsweise Geschlechtskrankheiten, Fußpilz oder Warzen geschützt werden.

© Droemer Knaur

Die Ärztin liest zunächst eine Passage aus der Einleitung von »Darüber spricht man nicht« vor, in welcher sie Bezug auf eine Legende (oder auch wahre Begebenheit – man weiß es nicht) nimmt, nach derer einst ein junger Mann während seines Heiratsantrages vor seiner Herzensdame pupsen musste und sich danach vor Scham erschoss. Heutzutage wird zwar nicht gleich der Freitod gewählt, dennoch quälen sich viele Menschen lebenslang mit körperlichen Beschwerden und Problemen, bei denen sie in Erklärungsnot geraten. »Es gibt nun einmal Dinge, die raus müssen«, lacht Yael Adler und erläutert, dass es ganz natürlich und gesund sei, wenn man etwa 20-mal am Tag pupst – bedeutend mehr würde auf eine Darmerkrankung hinweisen! Mit ihren sehr anschaulichen und verständlichen Erklärungen betont sie die Wichtigkeit eines gesunden Magen-Darm-Traktes. Bezüglich des menschlichen Unterleibs spricht sie weiterhin über Themen wie »der Anus« und seine Hygiene, Hodengröße und Spermienproduktion, Menstruation, Juckreiz und Verhütung. Zu Demonstrationszwecken hält sie beim Themenfeld »Sex« sowohl »normale« Sexspielzeuge als auch »bedenkliche« Gegenstände wie Flaschen, Gurken, Auberginen, Buntstifte, gefrorene Heringe und Handcremedosen nach oben. Beim letztgenannten Punkt kann man im Publikum einerseits lachende und andererseits schmerzverzerrte Gesichter erkennen.

Yael Adler erklärt die Benutzung diverser Sexspielzeuge. © Yvette Gieseke

Obwohl der Abend voranschreitet, stellt das Publikum eifrig Fragen und möchte immer weiter den Ausführungen der Ärztin lauschen. Nach Demonstration einer Pilates-Übung zur Stärkung des Beckenbodens leitet Yael Adler schließlich ein kleines Quiz ein. Danach spricht sie über die Problematik des Schnarchens als letztes Thema für heute. Sie erklärt an einem Ober- und Unterkiefermodell, wie diese unliebsamen Schlafgeräusche entstehen und dass viele Betroffene Nacht für Nacht an regelrechten Erstickungsanfällen leiden. Auch hier appelliert sie, offen darüber zu sprechen und sich in einem Schlaflabor untersuchen zu lassen oder sich über spezielle Beißschienen zu informieren, welche die Beschwerden lindern können. Ihre Einladung zu einer kleinen privaten Sprechstunde (natürlich unter ärztlicher Schweigepflicht) nach Beendigung ihres Vortrags wird von der Mehrheit des Publikums dankend angenommen und es bildet sich eine lange Schlange.

 

Beitragsbild: Autorin Dr. med. Yael Adler plädiert für einen offenen Umgang mit peinlichen Themen rund um den menschlichen Körper und demonstriert eine Pilates-Übung zur Stärkung des Beckenbodens. © Yvette Gieseke


Die Veranstaltung:Dr. med. Yael Adler spricht in »Darüber spricht man nicht« von allen Tabuzonen und Tabuthemen des menschlichen Körpers, Lehmanns Media Leipzig, 24.09.2018, 20.15 Uhr


Das Buch:Dr. med. Yael Adler: Darüber spricht man nicht. Droemer Knaur, München 2018, 368 Seiten, 16,99 Euro, E-Book 14,99 Euro

 

 

 

Die Rezensentin: Yvette Gieseke

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