Unheilvorhersagende Kinderköpfe

Margit Ruile liest auf der Leipziger Buchmesse zum ersten Mal ihr neustes Buch »God’s Kitchen«.

Tosender Applaus erklingt. Leider kommt er von der Lesebühne hinter dem Publikum und mischt sich mit Margit Ruiles Stimme, während sie liest. Für die ersten zwei Reihen des Publikums ist das nicht weiter wichtig, hier sitzen Jugendliche, Kinder und Eltern gleichermaßen interessiert und lauschen der Autorin. Die hinteren Reihen jedoch schauen gebannt auf ihre Smartphones oder haben Margit Ruile den Rücken zugedreht. Diese »Zuschauer« haben wohl nur ihren Weg zur Lesebude 2 gefunden, um sich für einen Moment zu setzen. Schade für sie und die Autorin zugleich. Margit Ruile liest heute nämlich zum ersten Mal aus ihrem neuem Buch, und sei sehr aufgeregt, wie sie sagt.

© Loewe

Ihre Stimme ist melodisch und klar, während sie zwei Stellen aus »God’s Kitchen« vorliest. Zuerst stellt sie uns die Protagonistin Celine vor, ein 19-jähriges Mädchen, das in München Psychologie studiert und ihren Weg als Praktikantin in das Robotic-Labor findet. Celine ist anders als andere Menschen. Sie hat etwas, was sie in ihrer Kindheit »Gedankengewitter« und später einfach nur »Gabe« nennt – sie kann die Zukunft sehen. Nicht gewollt. Sie kann es nicht steuern und sie kann es auch nicht ablegen, wie sie es sich so oft wünscht. Es blitzen einfach Bilder oder ganze Szenen in ihrem Kopf auf. Als Celine an ihrem ersten Tag im »God’s Kitchen« den Kopf eines Roboters in die Hand nimmt, der so echt nach einem Kinderkopf aussieht, dass ihr unheimlich wird, hat sie wieder solch eine Vision. Sie spielt irgendwann in der Zukunft, ob noch am selben Tag oder erst Wochen später, kann Celine nicht sagen. Der Roboter spricht zu ihr und sagt einen Tod in diesem Labor voraus. Celine ist entsetzt.

Margit Ruile © Elias Hassos

Margit Ruile beendet ihr Vorlesen genau an dieser Stelle und viele Zuschauer im Publikum scheinen jetzt von der Geschichte gepackt zu sein. Sogar die hinteren Reihen haben ihre Köpfe gehoben und ihre Blicke wandern von den Smartphones zu Ruile, als sie die Stelle des vorausgesagten Todes liest. Vielleicht ist auch hier das Interesse an der Geschichte geweckt. Menschen sind im Vorbeigehen stehen geblieben, um zu lauschen. Mädchen neben mir tuscheln darüber, sich das Buch kaufen zu wollen. Eine Reihe weiter vorne ziehen die ersten ihre Ausgaben von God’s Kitchen aus den Taschen. Ruile schaut in die Menge und lächelt. »Ähm, ja«, sagt sie, »ich glaube es gibt gleich noch eine Autogrammstunde.«

Die Fans, die ihre Bücher bereits aus den Taschen geholt haben, springen auf, und jetzt applaudieren wir, das Publikum. Hier und da hört man Mütter ihre Kinder fragen: »Würdest du das Buch lesen?« Die Antworten kann man nicht mehr verstehen. Zu viele Menschen haben sich nach dem Applaus erhoben und angefangen zu reden. Ich wünschte, es wäre auf der Messe etwas mehr Zeit gewesen für Margit Ruiles Lesung. Es wurde doch gerade erst spannend.

Beitragsbild: Margit Ruile liest aus ihrem Buch. © Marleen Plaaß


Die Veranstaltung: Margit Ruile liest aus God’s Kitchen, Lesebude 2 Halle 2, 17.3.2018, 15.30 Uhr

Das Buch: Margit Ruile: God’s Kitchen. Bindlach 2018, 320 Seiten, 14,95 Euro, E-Book 11,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Marleen Plaaß

 


 

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