Ungewöhnliches Paar in den Kriegswirren

Emmanuelle Pirotte liest im Leipziger Haus des Buches in Leipzig aus ihrem Debütroman »Heute leben wir«.

Der Kopf einer Frau sinkt immer wieder langsam nach unten, ihre Augen sind geschlossen – sie schläft. Doch was in Lesungen gemeinhin ein wahrer Albtraum ist, bleibt am heutigen Abend nichts weiter als eine kuriose Anekdote. Vielmehr lauscht das restliche Publikum gespannt und aufmerksam den Worten von Emmanuelle Pirotte. Die aus Belgien stammende Autorin liest heute an diesem grauen, regnerischen Abend im gut gefüllten Literaturcafé im Haus des Buches aus ihrem Debütroman »Heute leben wir«, und zwar auf Französisch. Unterstützt wird sie dabei von Marie-Pierre Liebenberg, die durch den Abend führt, sowie von Christine Cavalli, die das Gespräch übersetzt und das Vorlesen der deutschen Textausschnitte übernimmt.

© S. Fischer Verlage
© S. Fischer Verlage

Die Lesung, die das Publikum geboten bekommt, ist gut strukturiert. Mit ihren Fragen an die Autorin gelingt es der Moderatorin, die vorgetragenen Romanauszüge miteinander zu verbinden. Persönliche Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges innerhalb der eigenen Familie inspirierten Pirotte zu ihrem Roman. Sie erzählt, dass gerade dieser reale Bezug zu den historischen Ereignissen für sie von großer Bedeutung gewesen sei.

Die Geschichte, in die der Zuhörer eintaucht, ist eine Geschichte voller Gegensätze. Während des Krieges trifft das jüdische Mädchen Renée durch einen unglücklichen Zufall auf den SS-Offizier Matthias. Er ist im Rahmen des Unternehmens Greif als Amerikaner verkleidet in den Ardennen unterwegs. Doch anstatt das Kind zu erschießen, verschont er es. Von nun an ist Renée an seiner Seite. Opfer und Täter, Leben und Tod, Grausamkeit und Menschlichkeit: Verschiedene Widersprüche treffen aufeinander. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten zwischen diesem »seltsamen Paar«, wie Pirotte die beiden beschreibt. Angetrieben von unglaublicher Lebenskraft bleiben sie stark und entschlossen in dieser schweren Zeit, die voller Angst und Ungewissheit ist.

Die in Kooperation mit dem Institut Français stattfindende Veranstaltung ist geprägt von der Muttersprache der Autorin, Französischkenntnisse sind für den Zuhörer klar von Vorteil. Wer nicht beide Sprachen versteht, verpasst Teile der Handlung, obwohl abwechselnd auf Deutsch und Französisch gelesen wird. Auch im Buch selbst finden sich die verschiedenen Sprachen wieder, von Deutsch, Französisch, Englisch bis hin zu Wallonisch. In kurzen Sätzen, geformt zu zahlreichen Dialogen durchlebt der Zuhörer die Gefühle der so verschiedenen Figuren, die doch so viel verbindet. Die vorgelesenen Ausschnitte geben dabei Schritt für Schritt einen Teil der Handlung preis, machen Lust, mehr zu erfahren. Doch das Ende mag Pirotte nicht verraten.

Applaus ertönt, Blumen werden überreicht. Zurück bleibt der Zuhörer, ergriffen von der Geschichte und ihren besonderen Charakteren. Deren Handeln ist nicht richtig oder falsch, nicht schwarz oder weiß, sondern so grau wie der Himmel an diesem Tag, aber voller Hoffnung.

Beitragsbild: Autorin Emmanuelle Pirotte (Mitte) sowie Dolmetscherin Christine Cavalli (links) und Moderatorin Marie-Pierre Liebenberg (rechts). © Rosa Kleindienst


Die Veranstaltung: Emmanuelle Pirotte liest aus Heute leben wir, Moderation: Marie-Pierre Liebenberg, Dolmetschen: Christine Cavalli, Literaturhaus Leipzig, 8.5.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Emmanuelle Pirotte: Heute leben wir. S. Fischer, Frankfurt 2017, 288 Seiten, Hardcover 20,00 Euro, E-Book 16,99 Euro


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Die Rezensentin: Rosa Kleindienst

 


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