Über defizitäre Menschen

Die koreanische Erfolgsautorin Ae-ran Kim erklärt Tino Dallmann auf der Leseinsel Junge Verlage ihren neuen Roman »Mein pochendes Leben«.

Interviewer Tino Dallmann stellt die koreanische Autorin Ae-ran Kim direkt im ersten Satz begeistert als eine Art Shooting-Star vor – ein sensationsheischender Ausdruck, der nicht zu der steif sitzenden und adrett gekleideten Autorin passen will. Ihr literarischer Erfolg spricht jedoch Bände und ihr neuer Roman »Mein pochendes Leben« führt den Leser zu einem Jungen, der durch die Krankheit Progerie im Körper eines alten Mannes lebt, und zu dessen Eltern, die damit umgehen müssen. Es stoßen Vergangenheit und Zukunft aufeinander und Kims metapherreicher Ausdruck lässt auf ihren literarischen Stil schließen: Das Buch sei vielfältig, das »wie ein zerknülltes Papier viele Seiten aufweist«.

Kim liest den Prolog auf Koreanisch vor und auch generell bekommt das Publikum einen Eindruck von der melodiösen Sprache, wenn sie ausführlich zu ihrer Übersetzerin spricht. Als Dallmann nach Kims Vorbildern in der Literatur fragt, runzelt die Autorin die Stirn. Sie fände »die Frage nicht so prickelnd«, da ihr nach der Lesung immer noch jemand Besseres einfiele und sich solche Einflüsse sowieso dauernd änderten. Mit der Warnung, dass sich diese Antwort demnächst schnell wieder ändern könne, gesteht sie dem Interviewer aber trotzdem höflich die Vorbilder Seewald und Brecht.

Auf die Frage nach der Bedeutung von Literatur scheint Kim dann schon viel lieber zu antworten. Begeistert redet sie auf ihre Übersetzerin ein, die erklärt: Für Kim stießen Menschen in Krisen oder Tragödien nur noch Laute aus, ohne sich erklären zu können. Die Literatur schaffe es, diese Gefühle zu tragen und in Worten zu zeigen.

Die Atmosphäre des Buches wirkt schwebend, ein Merkmal Kims, das auch schon in ihrem Erzählband »Lauf, Vater, Lauf« auffällt. Wenn Dallmann bemerkt, dass die Stimmung zwischen humorvoller Leichtigkeit und tiefgründiger Schwere geradezu balanciert, stimmt Kim zu. Diese Dichotomie spiegele sich in ihrer Einstellung zum Leben wider, so philosophiert sie, dass alle Menschen eben Schwachstellen und Defizite hätten und es deswegen der einzige Weg sei, ihnen mit Wärme zu begegnen. Und mit dieser menschlichen Wärme möchte sie auch ihre Bücher verstanden sehen. In »Mein pochendes Leben« wird die Tragik der Krankheit und die damit verbundenen Existenzfragen der Liebe der Eltern entgegengestellt.

So widerspricht sie Dallmann, als er die liebevolle Familie in »Mein pochendes Leben« den hoffnungslos zerrüttet wirkenden Konstellationen in »Lauf, Vater, Lauf« gegenüberstellt. Stattdessen betont sie die Gemeinsamkeit, dass jede Familie Probleme habe, ob diese nun äußerlich oder innerlich seien, und erklärt, ihr Fokus läge auf der Bewältigung der Schwierigkeiten. Inwiefern die versprochene Wärme bei den äußerst defizitären Vaterfiguren ankommt, die ihre Kinder verlassen oder verspotten, wird sich aber wohl erst bei der tatsächlichen Lektüre zeigen können. Kim wirkt auf jeden Fall ihrer Lebenseinstellung entsprechend, wenn sie sich bei der Autogrammstunde die Namen der Widmungen vorschreiben lässt und sich dann mit zeichnerisch anmutender Schönschrift an den fremden Buchstaben übt.

Beitragsbild: Ae-ran Kim © cass Verlag


Die Veranstaltung: Tino Dallmann im Gespräch mit der koreanischen Erfolgsautorin Ae-ran Kim

Das Buch: Ae-ran Kim: Mein pochendes Leben. Cass-Verlag 2017, 320 Seiten, 24 Euro


 

 

Die Rezensentin: Marie Nowicki

 


 

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