Über das Schwulsein in der DDR

Christoph Hein liest zum Auftakt seiner Lesereihe bei Lehmanns aus seinem Buch »Verwirrnis«.

Die Buchhandlung ist schon gut gefüllt als ich sie betrete, über die Hälfte aller Plätze ist belegt. So voll habe ich noch nie eine Lesung bei Lehmanns erlebt. Im Raum herrscht freudig erregte Stimmung, die Atmosphäre ist genau in der Mitte zwischen ordentlich und gemütlich. Ich nehme Platz und warte gespannt auf Christoph Hein, der gleich aus seinem neuen Buch lesen wird.

Christoph Heins neuester Roman »Verwirrnis« © Suhrkamp Verlag

Christoph Hein wurde 1944 in der Provinz Niederschlesien geboren und wuchs in der Kleinstadt Bad Düben bei Leipzig auf. Zwischen 1967 und 1971 studierte er Philosophie und Logik in Berlin und Leipzig, ehe er Dramaturg und Autor an der Volksbühne in Ost-Berlin wurde. Seit 1979 arbeitet er als freier Autor, sein großer Durchbruch kam mit der erfolgreichen Novelle »Der fremde Freund«, die 1982 in der DDR veröffentlicht wurde. Seitdem zählt Christoph Hein zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren Deutschlands. Im Laufe seines Lebens veröffentlichte er zahlreiche Essays, Theaterstücke, Erzählungen und über 25 Romane, von denen die meisten im Suhrkamp Verlag erschienen. Er wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Grimmelshausen-Preis für seinen Roman »Glückskind mit Vater« (2013) und dem Internationalen Stefan-Heym-Preis (2013).

Christoph Heins Bücher handeln oft von Einzelschicksalen, so auch »Verwirrnis«. Der erst vor drei Wochen erschienene Roman erzählt das Leben des Friedeward Ringeling, der als Kind eines Pastors geboren wird und im katholischen Heiligenstadt im thüringischen Eichsfeld aufwächst. In der Schule meist ein Einzelgänger, ist er sehr still und befasst sich viel mit Literatur und Wissenschaft. Doch als er Wolfgang kennen lernt, wird alles anders: Sie freunden sich an, fahren gemeinsam in den Urlaub an die Ostsee und machen gemeinsame Literaturnachmittage bei Wolfgangs Tante Helena. Schnell merken die Beiden, dass sie weit mehr sind als nur Freunde. Und so kommt Friedeward früher oder später nicht nur in Konflikt mit seinem streng gläubigen und rigorosen Vater Pius, sondern auch mit seinem eigenen Glauben, der Wissenschaft und den Staatsstrukturen der deutschen demokratischen Republik.

Später gehen die Beiden nach Leipzig und erleben dort eine bunte, junge Stadt und sprudelnde Köpfe. Sie lernen Jacqueline kennen, die eine heimliche Beziehung zu ihrer Dozentin führt und nehmen zu viert aktiv am intellektuellen Leipziger Leben teil. Ihre Beziehung leben die zwei im Stillen, Verborgenen, aus Angst vor Gerede und Verurteilung. Doch was wäre, wenn einer von ihnen Jacqueline zum Schein heiraten würde?

Christoph Hein beginnt seine Lesung mit ein paar einleitenden Worten über Leipzig. Er studierte selbst hier und erinnerte sich gern daran, dass man nur etwa 8 Cafés ablaufen musste, um seine Freunde zu treffen, das sei in anderen Städten anders. Über sein neues Buch verliert er kein Wort, sondern fängt direkt an zu lesen. Das meist ältere Publikum, unter dem sich hin und wieder auch ein paar junge Menschen finden, tat während der Lesung keinen Mucks, alle hingen an seinen Lippen und hörten ihm gebannt zu. Christoph Hein liest mit ruhiger und entspannter Stimme etwa 45 Minuten, danach ist noch Zeit für ein paar kurze Fragen an den Autor und natürlich zum Signieren des neuen oder vielleicht auch eines älteren Buchs. Hierfür musste allerdings etwas Geduld mitgebracht werden, denn die Schlange war durch die vielen Besucher dementsprechend lang.

Christoph Hein auf der Leipziger Buchmesse 2016 © Heike Huslage-Koch – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Gegen 21:30 verlasse ich die Buchhandlung wieder, unterm Arm mein frisch signiertes Buch. An dieser Stelle möchte ich mich beim Team von Lehmanns bedanken, die mich mit einer Freikarte für die Lesung unterstützt haben.

Wer Interesse an »Verwirrnis« hat und vielleicht nicht so gerne selbst liest, der kann sich den Roman aktuell auch als Hörbuch, gelesen von Sylvester Groth, bei MDR Kultur anhören.


Die Veranstaltung: Christoph Hein liest aus Verwirrnis, Lehmanns Buchhandlung, 4.9.2018, 20.15 Uhr


Das Buch: Christoph Hein: Verwirrnis. Suhrkamp, Berlin 2018, 303 Seiten, 22,00 Euro, E-Book 18,99 Euro

 

 

Der Rezensent// Die Rezensentin: Milo Tetzel

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.