Über das Erwachsenwerden und Zwergflusspferde

Arno Geiger liest aus seinem Roman „Selbstporträt mit Flusspferd“

Von Dorothea Starck

„Und plötzlich sagte die Frau: ‚Wir kennen uns. Ich bin’s!‘“. Es beginnt mit einer flüchtigen Begegnung in einer Tierstation. Dem 32-jährigen Tierarzt Julian gelingt es nicht, das Leben eines Uhus zu retten. Erst auf den zweiten Blick erkennt er die Frau wieder, die das verletzte Tier in die Notfallambulanz brachte: Judith, seine erste große Liebe. Sie wechseln ein paar belanglose Sätze, bevor die Frau zur Tür hinaus verschwindet. Er wird sie nie wieder sehen. Damit beginnt das „Selbstporträt mit Flusspferd“: Julians selbstreflektierende Nacherzählung aus einer Zeit, in der er 22 war und Judith sich von ihm trennte.

Während Arno Geiger im Rahmen von Leipzig Liest aus dem ersten Kapitel seines Coming-of-Age-Romans Selbstporträt mit Flusspferd vorliest, sitzen ihm etwa 200 Menschen im Bundesverwaltungsgericht gegenüber. Der Großteil des Publikums ist über fünfzig und schwelgt in Erinnerungen. Denn in seinem neuen Roman geht es mal wieder um das Älterwerden. Handelte „Der alte König in seinem Exilnoch von der altersbedingten Demenzkrankheit, erzählt Geiger heute von der jungen Welt des Erwachsenwerdens, von einer Zeit, die zwischen Naivität und Abgeklärtheit schwankt. „Als junger Mensch wollte ich auch jemand anders sein, einen Schalter umlegen und nicht so viel nachdenken“, erinnert sich Geiger zurück.Geiger_24761_MR2.indd

Wien, Sommer 2004. Der 22-jährige Julian studiert Veterinärmedizin und erlebt seine erste Liebestrennung. Ihn trifft die Trennung mit voller Wucht: „Ein junger Mann mit Schmerzen sein, ist eine Ganztagsbeschäftigung.“ Geplagt von existenziellen Ängsten und der Frage, ob er jemals wieder glücklich werde, nimmt er einen Ferienjob bei einem emeritierten Professor an. Ab jetzt pflegt er in seinem Hintergarten ein dickes, schwarzes Zwergflusspferd. Dort lernt er auch die fünf Jahre ältere, selbstbewusste Tochter des Professors kennen. Aiko und Julian beginnen eine Affäre, die ihn erneut aus der Bahn wirft.

Geiger suchte sich das Flusspferd für seine Geschichte nicht zufällig aus: „In unserer durchästhetisierten und ökonomisierten Welt stellt das Zwergflusspferd etwas Dickes, Träges, Unbrauchbares dar. Und das mit größter Selbstverständlichkeit“, so Geiger. Das Tier wirkt wie ein Gegenpol zur modernen Welt. Diese Gelassenheit begeistert auch Julian, der sich in dem Tier widerspiegelt: „Ich glaube, wir hatten unsere Verwandtschaft vom ersten Tag an erkannt, […] dass wir den realen Anforderungen, die das Leben stellt, nur bedingt gewachsen waren.“image

Dass am Ende der Lektüre kaum eine wirkliche Handlung zurückbleibt, ist nicht weiter tragisch. Bereichernd wirkt das Selbstportrait dennoch, da es ein Gefühl für eine bestimmte Gemütsfassung vermittelt. Im Mittelpunkt steht Julians Grundstimmung, die zwischen Lethargie, Hoffnungslosigkeit und naiver Offenheit wechselt. Was am Ende übrig bleibt, ist das glaubhafte Portrait eines Heranwachsenden, der sich in einem Übergang befindet – und der Geruch von Flusspferd.

 

Zum Buch: Arno Geiger; Selbstporträt mit Flusspferd; Hanser Verlag; 19,90 €

Zur Lesung: „Selbstporträt mit Flusspferd“ – Der neue Roman des Deutschen Buchpreis-Gewinners; Arno Geiger, Jörg Magenau; Bundesverwaltungsgericht; 12. März; 19.30 Uhr

 

2 Gedanken zu „Über das Erwachsenwerden und Zwergflusspferde

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