Türkische Literatur ist mehr als Orhan Pamuk

Ein Interview mit der Verlagsgründerin Selma Wels von „binooki”

 

Die Schwestern Selma Wels und Inci Bürhaniye haben 2010 eine Marktlücke entdeckt: junge, türkische Literatur auf Deutsch war bis dahin kaum erhältlich. Also gründeten sie einen eigenen Verlag „binooki“, mit dem sie sofort durchstarteten: 900 Interviews in den ersten sechs Monaten, Auszeichnungen und Förderpreise für das Konzept und Marketing, ein schnell wachsendes Verlagsprogramm. Dieses Jahr sind sie nun schon das vierte Mal auf der Buchmesse. „Leipzig Lauscht“ hat sie dort besucht und reingehört in die Ideen und Ansätze hinter „binooki“.

Von Anne Balzer

 

Seit 2012 veröffentlichen Sie türkische Literatur auf Deutsch. An wen richtet sich das Angebot?

Wir verlegen Bücher für deutschsprachige Leser. Die Nationalität ist mir dabei, wie bei vielen anderen Dingen, egal.

In einem Interview sagten Sie einmal: „Wir veröffentlichen, was uns gefällt“. Haben sich daraus dennoch Kriterien entwickelt, nach denen Sie ihre Autoren aussuchen?

Unser Fokus liegt auf junger Literatur. Unsere Autoren leben oder schreiben in der Türkei. Manchmal nehmen wir aber auch ein paar Klassiker mit auf. Das sind dann Schriftsteller, die auch unsere jungen Autoren geprägt haben.

Für viele Deutsche ist der Nobelpreisträger Orhan Pamuk, dessen Romane oft von personalen Vernetzungen und Melancholie gekennzeichnet sind, der einzige bekannte Autor aus der Türkei. Inwiefern spiegelt er die türkische Gegenwartsliteratur wieder?

Ich habe Schwierigkeiten mit seinen Büchern. Und auch wenn es bestimmt gut für das Geschäft wäre, würde ich ihn wahrscheinlich nicht verlegen. Aber er ist wichtig, hat den Erfolg verdient und spiegelt einen Teil der Türkei wieder. Unsere Autoren haben aber einen anderen Umgang mit Sprache und Gesellschaft. Sie sind frisch, jung und frech.

Einige Minuten später bleibt eine Messebesucherin stehen. „Aber den Orhan Pamuk, den haben Sie wohl nicht?“. „Nein das ist ein anderer Verlag“, antwortet Frau Wels lächelnd.

Viele Ihrer Autoren hat es in Ihrem Leben früher oder später nach Istanbul verschlagen. Die Stadt ist immer noch das kulturelle Zentrum der Türkei. Kann die Literatur, die dort entsteht, trotzdem stellvertretend für die Türkei gesehen werden?

Wir haben auch Autoren wie Murat Uyurkulak („Glut“), er hat in Aydın, Diyarbakır und Izmir gelebt ehe er nach Istanbul kam. Auch wenn sich viele Autoren in Istanbul konzentrieren, glaube ich, dass sie auch andere Aspekte der Türkei vermitteln können.

Die türkische Sprache hat oft weniger präzise Wörter als im Deutschen, lässt mehr Raum für Interpretationen. Inwiefern wirkt sich das auf die Übersetzung der Bücher aus?

Ich finde nicht unbedingt, dass die türkische Sprache weniger präzise ist. Aber es stimmt, es gibt manchmal keine deutschen Entsprechungen für türkische Ausdrücke. Zum Beispiel das Wort „Yakamoz“. Es bedeutet, das Mondlicht, das auf dem Meer schimmert. Manchmal wird im Deutschen einfach alles viel länger. Ich habe jetzt auch meine erste Übersetzungsarbeit fertiggestellt und ich muss sagen: Es macht Spaß! Aber es ist auch eine große Verantwortung und man muss sich vollkommen in den Kopf einer anderen Person versetzen. Man muss den „Sound“ des Autors verstehen.

Künstler aus der Türkei haben zum Teil Probleme, ein Visum für Deutschland zu erhalten. Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihren Autoren gemacht?

Das ist leider wirklich eine Herausforderung. Wir haben zum Teil in der Türkei bekannte Bestsellerautoren in unserem Verlag. Wenn wir sie nach Deutschland einladen, müssen sie in den Konsulaten unter anderem Kontoauszüge und gedruckte Bücher vorzeigen. Wir hatten Situationen, wo es wirklich fast am Visum gescheitert wäre. Der Kulturaustausch gestaltet sich an dieser Stelle leider sehr schwierig.

Den binooki Verlag gibt es jetzt seit fünf Jahren. Kürzlich wurden Sie im ZDF Morgenmagazin vorgestellt (http://binooki.com/blog/tag/zdf/). Danach gab es Diskussionen in Sozialen Netzwerken, dass Sie „zur Islamisierung Deutschlands“ beitragen. Wurden Sie mit solchen Anfeindungen auch schon früher konfrontiert?

Naja, man ist ja nie Deutscher, egal, ob man einen deutschen Pass hat oder nicht. Es gibt viele Formen von Alltagsrassismus, da wundert man sich schon fast nicht mehr. Als wir den Verlag gründeten, haben wir teilweise schon seltsame Schreiben erhalten. Und das macht einem auch ein bisschen Angst, die Leute wissen ja, wer man ist, wo man sich aufhält. Aber bisher haben die positiven Reaktionen und Rückmeldungen immer überwogen, das ist einfach schön und gibt Kraft.

Sie sind mittlerweile Buchmesseexperten. 2010 kam Ihnen die Idee für den Verlag auf der Buchmesse in Istanbul, schnell waren Sie in Frankfurt und Leipzig vertreten. Was macht die Buchmesse in Leipzig für Sie aus?

Auf der Buchmesse 2010 in Istanbul realisierten wir: Es gibt keine junge, türkische Literatur auf Deutsch. Als wir wiederkamen haben wir einen Businessplan geschrieben, im März 2012 stand das erste Programm. Damit waren wir auch gleich auf der Leipziger Buchmesse vertreten. Leipzig ist immer noch eine Lesemesse und hat einen besonderen Stellenwert. Hier sind Leute, die sich in dem, was du machst, auch widerspiegeln.

Wie gerufen, kommt ein junger Mann aus der Verlagswelt vorbei, bleibt kurz stehen und ruft überschwänglich: „Ach, ihr seid diese wunderbaren Schwestern aus Berlin. Tolle Sache.“ Lässt die Visitenkarte da, bewundert noch das Cover des aktuellen Verlagsprogramms. Und weg ist er wieder. Seine Begeisterung wirkt noch einen Moment nach.

 

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