Training für die Lachmuskeln

Eine Reise durch die Welt des Steampunks mit Daniel Malheur, Anja Bagus und Christian von Aster in Noels Ballroom

Waldorf und Statler © Victoria Roth

Schon vor der Tür von Noels Ballroom herrscht reges Treiben. Innen sind die Tische restlos belegt und die Küche bereits so überfordert, dass sie keine Bestellungen mehr entgegennimmt. Hat man erst einmal durch die vielen Gänge des Pubs gefunden, offenbart sich ein kleiner Veranstaltungsraum, in dem Waldorf und Statler von den Muppets bereits in der einzigen Loge Platz genommen haben.
Die Sitzplätze sind begehrt und schnell belegt, sodass die Hälfte des Publikums auf dem Boden, an der kleinen Bar oder stehend in den hinteren Reihen Platz nimmt. Schon jetzt wird klar, in welchem Genre sich die Veranstaltung bewegt. Das Pult ist einem riesigen Grammophon nachempfunden und neben dem nostalgisch anmutenden Plattenspieler schmücken Braun- Rot- und Schwarztöne die Bühne. Viele Besucher sind im Steampunk-Stil gekleidet und auch einige Mitglieder des Steampunk-Stammtisches Leipzig sind unter ihnen zu entdecken.

Daniel Malheur © Victoria Roth

Daniel Malheur eröffnet die literarische Reise mit dem Lied »Ich fahr in meiner kleinen Limousine«. Nachdem Anja Bagus sich empört, dass er Marie besingt, die sie eindeutig nicht ist, gesteht Herr von Aster, dass er die Marie war. Die Stimmung ist schon jetzt ausgelassen und es ist offensichtlich, dass die drei Künstler sich schon lange kennen. Es wird gescherzt, geflirtet, die unzähligen Frauennamen aufgelistet, die Herr Malheur besingt und schließlich entschieden, dass dieser sich zum Ende der Veranstaltung zwischen Anja Bagus und Christian von Aster entscheiden muss. Der Angstschweiß auf seiner Stirn ist jetzt selbst aus den hinteren Reihen sichtbar. Überhaupt gleicht die ganze Veranstaltung eher einem großen Familientreffen statt einer öffentlichen Lesung.
Christian von Aster hält eine seiner berühmten Ansprachen und stellt aufgrund der Fülle des Raumes fest, »dass der schräge Scheiß genauso gut funktionieren kann, wie der halbschräge Scheiß.« Mit viel Witz wird auch der Ablauf der Lesung bekannt gegeben, oder zumindest versucht.
Christian von Aster: »Frau Bagus wird sich jetzt in den Vortrag versenken, und was immer sie sagt, sie hat die schöneren Brüste von uns beiden. Danach wird Herr Malheur noch einmal an den Phonographen treten und sie liebevoll besingen…«
Anja Bagus erstaunt: »Meine Brüste?“ Nach einem kurzen Abschweif, wie lange ihre Brüste brauchen um besungen zu werden, folgt der zweite Versuch den Ablauf unter großem Gelächter des Publikums zu verkünden.
Christian von Aster: »Nach Frau Bagus wird Herr Malheur noch einmal phonographieren, dann werde ich ans Mikrofon treten und ohne Brüste parlieren, wonach Herr Malheur noch einmal musizieren wird, woraufhin eine Pause erfolgen wird …«

Christian von Aster und Anja Bagus © Victoria Roth
© Lysandra Books Verlag

Anja Bagus trägt zwei Kapitel aus dem »Steampunk-Handbuch für Monsterjäger« vor, das sie zusammen mit Anne Amalia Herbst aus dem Amerikanischen übersetzt hat. Es beschreibt die Weltreise von Miss Philomena Dashwood, die auf der Suche nach Abenteuern und Monstern ist und dabei stets von attraktiven Männern begleitet wird. Anja Bagus schlüpft gekonnt in die Rolle der Heldin, imitiert ihre Empörung über aufdringliche Gentlemen, exzentrische Damen und unfähige Monsterjäger und lässt diese Reise damit real wirken. Die Zuschauer reisen an Philomenas Seite von einer Séance in England weiter nach Ägypten, wo sie mit einer wiederbelebten Mumie konfrontiert werden, die es zu besiegen gilt.
Nach dieser Aufregung entführt Daniel Malheur, der seine Musik selbst als MonokelPop bezeichnet, musikalisch rund um den Globus. Im Stil der 1920er Jahre lässt er Lieder aller Musikrichtungen erklingen, über »Ich fahr mit meiner Klara in die Sahara« bis hin zu »Highway to Hell«.

© Helmut »Poul« Dohle

Christian von Aster liest aus seinem neuesten Werk »Steambugs«, welches zusammen mit Poul Dohle über Crowdfunding entstanden ist. Da noch nicht alle Unterstützer ein Buch besitzen, gibt es dieses vorerst nicht zu kaufen. Es handelt von dem Nachlass eines Entomologen, der ganz außergewöhnlich präparierte Insekten besitzt, denn diese wirken mechanisch und dampfbetrieben, aber gleichzeitig völlig lebendig. Dazu kommen Schurken, Geheimnissen, Geheimagenten, verborgenen Inseln und ein verrückter Wissenschaftler – eigentlich sogar mehrere. Eine perfekte Mischung aus Humor, Spannung und Steampunk – genau wie die ganze Veranstaltung.
Daniel Malheurs Entscheidung zwischen beiden Autoren, die ihm noch immer Kopfzerbrechen bereitet, wird ihm schließlich abgenommen, indem beide spontan beschließen, ihn als Lustsklaven in einem kleinen Käfig zu halten. Sein sofortiges Einverständnis erklärt einiges… Nach einem rundum gelungenen Abend fordert das Publikum eine Zugabe, die es auch bekommt, bevor es sich an der kleinen Bar zu ausgelassenen Gesprächen sammelt.

Beitragsbild: Die nostalgisch anmutende Bühne in Noels Ballroom. © Victoria Roth


Die Veranstaltung: Zwischen Dampf und Drama, Anja Bagus liest aus dem Steampunk-Handbuch für Monsterjäger, Christian von Aster liest aus Steambugs, Gesang: Daniel Malheur, Noels Ballroom, 22.03.2019, 20.00 Uhr


Die Bücher: Anja Bagus und Anne Amalia Herbst: Steampunk-Handbuch für Monsterjäger. Lysandra Books, Dresden 2018, 256 Seiten, 29,00 Euro
Christian von Aster und Poul Dohle: Steambugs. Noch nicht im Handel erschienen


Die Rezensentin: Victoria Roth

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