Tierisch menschlich

Sympathisch, offen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Eva Menasse liest aus »Tiere für Fortgeschrittene« und lädt damit herzlich zum Mitdenken ein.

Eva Menasse. © juergen-bauer.com
Eva Menasse. © juergen-bauer.com

Protagonistin Tom hat zwar einen männlichen Vornamen, steht aber trotzdem mitten im Leben. Verheiratet, Patchwork-Familie und die Bewältigung von Kleinkrisen sind ihr Alltag. Als ihr Jugendfreund Martin stirbt, klafft eine Lücke in ihrem Leben auf. Da es weitergehen muss, bucht Tom für die ganze Familie einen Urlaub in einem türkischen Freizeitklub. Dort fühlt sie sich aber schrecklich fremd und die Gedanken an den Tod ihres Freundes begleiten sie stetig.

Das ist zusammengefasst der Inhalt der ersten von acht Erzählungen aus Eva Menasses Sammelband »Tiere für Fortgeschrittene«. Dass es nicht um tatsächliche Tiere wie Raupen, Igel oder Enten geht, wird schnell klar. Vielmehr verpackt Menasse skurrile Tiermeldungen geschickt in allzu menschliche Situationen. »Der Mensch ist ein fortgeschrittenes Tier.« Mit diesem Statement und einem amüsierten Grinsen steigt die bereits vielfach ausgezeichnete Autorin in das Gespräch über ihr neues Buch ein. Gut gelaunt geht sie auf die in ihren Augen etwas zu negative Inhaltsbeschreibung des Moderators Peter Unfried ein und übernimmt geschickt die Führung des Gesprächs.

Während sie die ersten Seiten der Erzählung  »Schmetterling, Biene, Krokodil« vor dem Publikum im taz.studio liest, gesellen sich immer mehr neugierige Messebesucher dazu. Das Studio füllt sich allmählich, sodass viele Zuhörer die folgende halbe Stunde ohne Sitzplatz auskommen müssen, woran sie sich aber nicht stören.

 © Kiepenheuer & Witsch
© Kiepenheuer & Witsch

Im nachfolgenden Gespräch betont Eva Menasse ihre Liebe zur Kunstform der Erzählung. Ihrer Meinung nach ist die Erzählung eine stärkere Form der Literatur als beispielsweise der Roman. »Romane haben oft eine lose Bauchmuskulatur. Da hängt in der Mitte auch gerne mal was durch«, sagt sie leichthin und erntet dafür viele amüsierte Gesichter, auf denen sich mitunter stumme Zustimmung zeigt. Die eigene Stimmung beeinflussen, sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben, das macht die Erzählung letztendlich so vielschichtig.

Menasses Erzählungen, die mal mehr, mal weniger auf jahrelang aus den Nachrichten gesammelten Tiermeldungen beruhen, sind zeitgeistig und gesellschaftlich hochaktuell. Die politisch interessierte Österreicherin, die derzeit um die doppelte Staatsbürgerschaft kämpft, äußert sich im Gespräch sehr offen zu Themen wie Krieg, Vorurteile, Bildung und der Unzufriedenheit als menschliche Konstante. Das genauere Hinschauen sei schließlich die Aufgabe eines Schriftstellers. Und wenn der Leser genauer hinschaut, kann auch er all das in ihren Erzählungen wiederfinden.

Die Zeit ist knapp bemessen und so gerne das Publikum der dynamischen Diskussion noch gelauscht hätte, gilt es auf der Buchmesse doch immer ein straffes Programm einzuhalten. Zum Ende hin lächelt die Autorin ins Publikum und zuckt mit den Achseln: »Ich bin keine Politikerin. Ich bin Schriftstellerin.«

Beitragsbild: Peter Unfried (links) und Eva Menasse (rechts). © Caroline Johanna Werner


Die Veranstaltung: Eva Menasse liest aus Tiere für Fortgeschrittene, Moderation: Peter Unfried, Messegelände taz.studio Halle 5, 23.3.2017, 14.15 Uhr

Das Buch: Eva Menasse: Tiere für Fortgeschrittene. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 320 Seiten, 20,00 Euro, E-Book 16,99 Euro


Caroline Johanna Werner_90844_assignsubmission_file_Werner_Profilbild_2061-11-22

 

 

 

Die Rezensentin: Caroline Johanna Werner


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.