Sybil hat das Lesen vergessen

»Viel mehr als eine öde Wasserglaslesung« verspricht das Programm von »Leipzig liest« für den Auftritt von Sybil Schreiber im Central Kabarett. Denn: Sie hat ihren Ehemann mitgebracht.

Sybil Schreiber und ihr Mann Steven Schneider leben gemeinsam in der Schweiz und sind dort Kult-Autoren. Seit 18 Jahren halten sie in der Kolumne »Schreiber vs. Schneider« die ebenso unterhaltsamen wie absurden Geschichten fest, die eine Ehe so mit sich bringt. Und es scheint, als würde das Publikum auch an diesem Abend neckisch-stichelndes Nähkästchengeplauder erwarten. Als Schreiber und Schneider sich gesetzt haben, funktioniert ihr Mikrofon nicht, auch das Ersatzgerät sträubt sich. Steven Schneider nutzt die Gelegenheit, um schon mal zu plaudern, ganz nach dem Motto »Na ein Glück, dass sie mal still sein muss «. Schon kommen die ersten, kräftigen Lacher. Gemeinsam spricht das Paar über den Anfang (rosig) und den Fortlauf (eher realistisch) ihrer Beziehung. Sybil Schreiber vergleicht die Ehe mit einer Weihnachtsbaumkugel, die anfangs perfekt aussah und mit der Zeit immer mehr Risse bekam. Doch was zunächst nicht besonders positiv klingt, nehmen die beiden mit ironisch-humoristischer Gelassenheit hin. Sie zupft laut Schneider mit Vorliebe an ihrem Mann herum und macht dabei auch vor Gesichtsbehaarung nicht Halt; er wiederum erinnert sich versonnen an den Moment zurück, als seine Frau zum ersten Mal in seiner Gegenwart »Wind abließ«.

© Salis Verlag

Bis die beiden schließlich auf Schreibers Prosa-Debüt »Sophie hat die Gruppe verlassen« zu sprechen kommen, ist schon ein gutes Stück Zeit vergangen. Überhaupt scheint die gebürtige Münchnerin gar nicht so scharf darauf zu sein, ihre Story-Sammlung vorzustellen. Als Steven Schneider dann aber von der Bühne geht und Schreiber vorsichtig ihr Erstlingswerk aufklappt, kommt eine ganz andere Autorin zum Vorschein. Sie beobachtet in »Sophie hat die Gruppe verlassen« ausnahmslos die Glücklosen, die stillen Randfiguren, denen kein klassisches Happy End winkt. Eigentlich habe sie die Geschichten niemandem zeigen wollen, erzählt Schreiber, doch ihr Mann sei damit einfach zum Verlag spaziert. Diese unterschwellige Bescheidenheit beibehaltend, liest sie mit lebhafter Stimme zwei der Storys vor. Es ist eine warme Stimme, die gern erzählt und ihren (meist einsamen) Protagonisten sehr nahe steht, ohne je die Achtung vor ihnen zu verlieren.

Einmal geht es um eine an Trisomie 21 erkrankte junge Frau, die ihre Eltern verloren hat und nun in einen Zug steigt – auf der Suche nach Winnetou. Schreiber lässt das Ende dieser Geschichte offen und geht weiter zur nächsten Protagonistin. Die ist eine Weltenbummlerin, die zum typischen Dorffest nach Hause kommt und ihre Erlebnisse, aber auch die Enttäuschungen und Unsicherheiten, die ihr das Leben nach und nach mit in den Rucksack gepackt hat, mitbringt. Sie trifft auf ihre daheimgebliebene Jugendliebe, weiß nicht einmal mehr seinen Namen und träumt sich dennoch in das ereignislose, aber verlockend sichere Leben, das sie mit ihm führen könnte. All das auf so wenigen Seiten, dass die erzählerische Dichte beeindruckt, aber dennoch unaufdringlich bleibt. Schließlich kommt Schneider zurück auf die Bühne und beendet das ernsthafte Intermezzo, das gerne noch ein, zwei Geschichten länger hätte dauern können.

Beitragsbild: Steven Schneider (links) und Sybil Schreiber (rechts) im Leipziger Central Kabarett. © Alexandra Huth


Die Veranstaltung: Sybil Schreiber liest aus »Sophie hat die Gruppe verlassen«, Moderation: Steven Schneider, Central Kabarett, 15.3.2018, 19 Uhr

Das Buch: Sybil Schreiber: Sophie hat die Gruppe verlassen. Salis Verlag, Zürich, 2018, 144 Seiten, 19 Euro, E-Book 12,99 Euro

 


 

 

Die Rezensentin: Alexandra Huth

 


 

2 Gedanken zu „Sybil hat das Lesen vergessen

  1. Liebe Alexandra
    Vielen Dank für deinen Besuch unserer Lesung im Blauen Salon. Ich, Steven, möchte dir sagen, dass von unserer Seite her eine Doppellesung geplant war, die im Programm allerdings nicht so angekündigt war. Dort hiess es, es gehe nur ums Buch von Sybil “Sophie hat die Gruppe verlassen”, wir aber hatten die Vorgabe, auch das andere, gemeinsame Buch “Mein Leben als Paar” vorzustellen. Klar, bist du von anderen Voraussetzungen ausgegangen 😉
    Dennoch finde ich deine Rezension äusserst gelungen, gute Schreibe, guter Aufbau. Im Nachhinein bedauere ich, dass Sybil nicht mehr gelesen hat, ich glaube, du hättest die anderen Geschichten ebenfalls sehr gemocht.
    So war es nun eben ein etwas zwitterhafter, aber hoffentlich dennoch sehr amüsanter Abend.
    Herzliche Grüsse, Steven

    1. Lieber Steven,
      ich bin froh, dabei gewesen zu sein und fand die Lesung insgesamt sehr unterhaltsam! Die anderen Geschichten werde ich auf jeden Fall noch lesen, habe ja ein Exemplar. Vielen Dank für deine positiven Worte zur Rezension, darüber freue ich mich wirklich sehr!
      Liebe Grüße an euch beide,
      Alexandra

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