Stift und Papier verboten

Doris Akrap liest aus dem Buch »Wir sind ja nicht zum Spaß hier« von Deniz Yücel im taz-Studio der Buchmesse.

İlker Deniz Yücel ist seit Mai 2015 Türkei-Korrespondent bei der Welt und veröffentlichte zahlreiche kritische Berichte, unter anderem über die Missstände in der Türkei. Im Februar 2017 wurde er in Istanbul verhaftet und saß ein Jahr wegen vermeintlicher Terrorpropaganda im Hochsicherheitsgefängnis. Nachdem die türkische Staatsanwaltschaft Anklage erhoben hatte, in der sie bis zu 18 Jahre Haft forderte, wurde Deniz Yücel am 16. Februar 2018 entlassen. Das Gerichtsverfahren soll am 28. Juni 2018 beginnen.

Deniz Yücel. © privat

»An erster Stelle kommt das Rauchverbot«, schreibt Deniz Yücel. »Gleich dahinter aber, noch vor dem schlechten Essen und allen anderen Schikanen, folgte für mich das Verbot von Stift und Papier.« Nach ein paar Tagen begann er zu experimentieren. Bücher waren erlaubt, sie dienten als Papierersatz, eine abgebrochene Plastikgabel als Feder, rote Soße als Tinte. Sehr mühsam und wenig effektiv. Bei einem Arztbesuch konnte er schließlich einen Kugelschreiber mitgehen lassen und in seine Zelle schmuggeln. Glücklicherweise hatte Antoine de Saint-Exupéry sowohl um den Text, als auch um die Zeichnungen in seinem Kleinen Prinzen üppigen Weißraum gelassen, der Yücel nun für Notizen diente. Auf diese Weise verfasste er den ersten Text aus der Haft, »Wir sind ja nicht zum Spaß hier«, nach dem auch sein neues Buch benannt ist.

Über seine Anwälte schmuggelte Deniz Yücel immer wieder kleine Papiere mit Notizen in die Außenwelt. »Der Korrespondent muss mal wieder was liefern. Wir sind ja nicht zum Spaß hier.« Es entstand ein Buch mit einer Auswahl an Reportagen, Kommentaren, Satiren und Glossen, die in den vergangenen 13 Jahren entstandenen sind. Am Ende folgen zwei im Hochsicherheitsgefängnis verfasste Texte und ein Beitrag seiner Frau, der Fernsehproduzentin und Lyrikerin Dilek Mayatürk Yücel. Das abgedruckte Interview mit dem Vizechef der PKK »Ja, es gab interne Hinrichtungen« und die Geschichte über den Machtausbau des türkischen Staatspräsidenten »Der Putschist« dienen der türkischen Regierung als Beweise für die Anschuldigungen.

© Edition Nautilus

Stellvertretend für den Autor liest Doris Akrap, Journalistin, langjährige Freundin und Herausgeberin des Buches, drei ausgewählte Texte auf der Leipziger Buchmesse. Die zahlreichen Besucher drängen sich vor dem kleinen taz-Studio. So ernst die Thematik auch ist, Yücel hält gekonnt die Balance zwischen Humor und ernstem Bericht. Deniz Yücel steht für Gerechtigkeit und beschreibt präzise bestehende Widersprüche. Sein Erfahrungsbericht von einer Pegida-Demonstration in Dresden bringt alle zum Schmunzeln, so wie man beim Lesen des Buches überhaupt häufig schmunzeln muss. Die Kommentare der Herausgeberin schaffen einen persönlichen Bezug und Nähe zum Autor. Während seiner Gefangenschaft gab es in Deutschland zahlreiche Solidaritätskundgebungen; unter dem Hashtag #FreeDeniz schlossen sich Tausende zusammen, um Freiheit von Information, Meinung, Wort und Kunst zu fordern. Der große Andrang auf alle für ihn veranstalteten Lesungen ist eine Form der Solidaritätsbekundung. Viele Berufskollegen von Deniz Yücel stehen weiterhin mit jeder kritischen Zeile über Erdoğans Regierung mit einem Bein im Gefängnis oder sind schon dort. #FreeThemAll.

Kommenden Samstag, am 24. März 2018, gibt es in Berlin die Möglichkeit, den Autor direkt zu erleben. Deniz Yücel liest im Festsaal Kreuzberg, der Vorverkauf startet nächste Woche.

Beitragsbild: Doris Akrap liest aus »Wir sind ja nicht zum Spaß hier« von Deniz Yücel. © Samuel Lewek


Die Veranstaltung: Doris Akrap liest aus Wir sind ja nicht zum Spaß hier, taz-Studio Messe, 17.3.2018, 15.30 Uhr

Das Buch: Deniz Yücel: Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Edition Nautilus, Hamburg 2018, 224 Seiten, 16,00 Euro, E-Book 13,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Irene Herrmann 

 


 

 

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