Staubtrocken statt staubaufwirbelnd

Philipp Felsch macht wenig Lust auf sein neues Sachbuch

Von Mara Bartle

Damals in den Sechzigerjahren, als man noch las, schrieb, nächtelang diskutierte und auf die Straße ging – angeregt von den Gedanken Adornos, Foucaults oder Enzensbergers. Damals, als das Genre Theorie noch vielfach rezipiert wurde. Philipp Felschs Gattungsgeschichte „Der lange Sommer der Theorie – Geschichte einer Revolte 1960-1990“ behandelt eben diese Zeit. Sein Buch stellte der Autor im Rennen um den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Sachbuch/Essayistik“ vor.

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Trotz der Nominierung für den Buchpreis bekommt Philipp Felsch selbst kurz vor Terminbeginn kaum Zuhörer ins taz.studio. Auf der Bühne steht ein schwarzes Sofa, daneben kündigt ein Bildschirm die Veranstaltung an, dunkelrote Plastikwände trennen die etwa 20 Quadratmeter große Fläche zu den Seiten hin ab. Unangenehm grelles Licht und schlechte Luft. Es ist kein Ort, an dem man sich auf intellektuelle Wege zur Entstehung des Genres Theorie begeben möchte.

Von der Vorstellung der Buchpreisnominierten hetzt Philipp Felsch, Juniorprofessor der Humboldtuniversität, zum Sofa. Aus Zeitgründen kann er leider nur die Fragen der Moderatorin Tania Martini beantworten, die Kulturredakteurin der taz ist. Lesen wird er nicht. Alt-68er gruppieren sich um ein Dutzend Miniaturhöckerchen herum, blättern in ihren Programmheften, dem ein oder anderen fallen die Augen zu – die Stimmung ist eher gleichgültig als interessiert. Der Historiker und Kulturwissenschaftler erzählt in seinem, fast gar nicht wie ein Sachbuch geschriebenen Werk, anhand von Peter Gente, Gründer des Merve-Verlags, und dessen akademischen Lehrers Jacob Taubers vom „Kraftfeld der Theorie“ – fernab der Abfolge bloßer Kopfgedanken. Der Leser soll das angestaubte Genre als eine Literaturgattung verstehen, die antrat, um zu revolutionieren, um Antworten auf die Frage zu geben, was Bildung überhaupt ist. Und das macht Felsch gut. In seinem Buch.

Weniger gut sind jedoch die Fragen Martinis. Sie bittet ihn, allerlei zu charakterisieren, abzugrenzen oder gar einzuordnen. Dabei wäre es doch viel spannender, auf Felschs Bezug zu besagter Zeitspanne oder zum Genre einzugehen, den Autor mit seinen 42 Jahren, selbst also erst 1972 geboren, mit der Hochphase der Theorie in den Sechziger- bis Siebzigerjahren zu korrelieren. Oder ihn nach seiner Arbeitsweise beim Schreiben dieses doch überraschend frisch geschriebenen Buches zu befragen.

Ein richtiger Mehrwert ergibt sich aus dem Gespräch zwischen dem Historiker mit seinem fundierten Wissen und der immer wieder ins Schwimmen geratenden Moderatorin nicht. Auch Felsch, lässig in Jeans und Chucks zu Hornbrille und Jackett, vermittelt den Eindruck, ihm missfiele die wirre Gesprächskultur: „Fragen Sie mich was anderes, ich rede sonst so lang.“ Kein müder Schmunzler. Felsch wirkt hilflos, dabei war doch sein Schreibstil so voller Energie.

Am Ende steht die Erleichterung, die die Schlussfrage der wenig anregenden Unterhaltung zweier Menschen, die nicht auf Augenhöhe sind, mit sich bringt. Aber auch die Enttäuschung darüber, dass Philipp Felsch so schwungvoll hätte sein können, wenn man ihn hätte lesen lassen.


 

Zum Buch: Philipp Felsch; Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990; C.H.Beck; Preis (D) 24,95

Veranstaltung: 12 März 2015; 13 Uhr; taz-studio

 

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