Starke Worte über Wortlosigkeit

Heike Suzanne Hartmann-Heesch liest am 16. März auf dem Messegelände Kurzgeschichten über Sprachverlust und daraus resultierende Einsamkeit.

Am Messefreitag finden viele Lesungen im Literaturforum statt. Die Autorin steht schon bereit, als ihr Vorgänger noch liest, es ist ein fliegender Wechsel am Lesepult. Heike Suzanne Hartmann-Heesch wirkt klein und schmal hinter dem breiten Tisch mit lauter Mikros und Kabeln vor ihr. Sie erklärt, wovon ihr Buch, aus dem sie liest, handelt: Wenn Sprache sich verliert, wird es einsam. Aus dieser Einsamkeit heraus gilt es, neue Wege der Kommunikation zu finden. Ein wichtiges Thema, besonders in Hinblick auf gesundheitliche oder altersbedingte Probleme.

© Wiesenburg Verlag

In einem anderen Buch hat Heike Suzanne Hartmann-Heesch dokumentarisch von ihrem dreijährigen Krankenhausaufenthalt berichtet. Und als sie an diesem Tag mit einem sichtbaren Schlauch die Bühne betritt, vermutet man auch ohne ihre Biografie zu kennen, dass ihr das Leben schon schwere Zeiten bereitet hat. Man merkt, dass ihr die Texte viel bedeuten, sie legt viel Emotion in ihre Stimme. Gleichzeitig strahlt sie Ruhe und Selbstsicherheit aus. Ihre Stimme ist unerwartet präsent. Ruhig, aber bestimmt liest sie drei fragmentartige Kurzgeschichten.

Die Geschichten sensibilisieren. Für Details, für Anzeichen von Kommunikationsversuchen, für die nicht aussprechbare Sehnsucht nach Nähe und für einen achtsamen Umgang miteinander. Sie verraten dem Publikum intime Momente der Schwäche und Verzweiflung, aber auch frohe und komische Momente der Erinnerung. Vieles wird sehr alltagsnah dargestellt. In ihren Texten stecken viele Fragen und Antworten zugleich. Das lyrische Ich spricht den Leser direkt an: »Verstehst du, was ich zwischen den Zeilen sage?«

Heike Suzanne Hartmann-Heesch lächelt zwischen den Zeilen, besonders bei ihrem Lieblingstext »Marienkäfer können fliegen«. Es geht um Kontrollverlust, Erinnerung und Träume. Zwischendurch blickt sie offen ins Publikum. Sie trägt die Texte nah an die Zuhörer heran, unter denen auch ihr Mann und einige Freunde sitzen. Das Mikro hält sie fest in der Hand, sie spricht ruhig, doch mit Mimik und Gestik verleiht sie ihren Worten Nachdruck.

Im Gespräch nach der Veranstaltung erzählt sie von Lesungen in Krankenhäusern und Rehakliniken. Für Publikum schreibt sie seit fast 13 Jahren. Dieses Buch ist interessant für Menschen, die in der Pflege arbeiten, Menschen, die sich um ihre Großeltern kümmern, Menschen mit Freunden oder Kindern, die sich nicht mehr artikulieren können. Doch auch, wenn man noch keine Berührung mit dem Thema Sprachverlust hatte – die Geschichten sind so schlicht und intensiv zugleich, dass man schnell einen Zugang zu ihnen findet.

Die Geräuschkulisse der Messeatmosphäre erfordert viel Konzentration vom Publikum. Nicht alle können diese aufbringen, einige blättern nebenher in ihren Programmheften, andere gehen nach dem ersten Text »mal weiter«. Trotzdem bleibt das Literaturforum gut besucht und am Ende fasst der Verleger treffend zusammen: »Sehr, sehr schön. Man konnte richtig in den Texten versinken.«

Beitragsbild: Heike Suzanne Hartmann-Heesch im Literaturforum auf der Buchmesse. © Leoni Brach


Die Veranstaltung: Heike Suzanne Hartmann-Heesch liest aus Möwen hatte ich doch gemeint, Literaturforum, Messegelände, 16.3.2018, 15 Uhr

Das Buch: Heike Suzanne Hartmann-Heesch: Möwen hatte ich doch gemeint: Erzählungen. Wiesenburg, Schweinfurt 2017, 172 Seiten, 11,90 Euro, E-Book 9,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Leoni Brach

 


 

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