Skandalroman Stella

Takis Würger bespricht seinen Roman Stella – das wohl skandalöseste Buch des Jahres. Doch diskutiert wird leider kaum.

Als Takis Würger zum Gespräch auf dem Blauen Sofa, der Hauptbühne des Messegeländes, geladen ist, ist der Andrang enorm. Kein Wunder: Das Buch hatte Anfang des Jahres einen Literaturskandal ausgelöst. Ich finde gerade noch so neben einem älteren Mann auf der Kante des Scheinwerfersockels Platz.

Der Skandal um das Buch kommt erst spät zur Sprache. Zunächst geht es um den Inhalt. Wie er auf die Geschichte von Stella Goldschlag gekommen ist, fragt Moderator Daniel Fiedler. Ein Freund habe ihm davon erzählt, antwortet Würger. Er sei »von dem Stoff sofort erschüttert und fasziniert« gewesen. Das glaubt man sofort, denn die Biografie der Stella Goldschlag, auf der der Roman basiert, ist beispiellos. Sie stammt aus einer jüdischen Familie und ist während des Zweiten Weltkriegs eine junge Frau in ihren 20ern. 1943 wird sie mit ihren Eltern ins Sammellager Große Hamburger Straße in Berlin gebracht. Um ihre Eltern vor der Deportation zu schützen, erklärt Stella Goldschlag sich unter Folter bereit, mit den Nazis zusammenzuarbeiten. Sie wird eine Denunziantin der Gestapo und liefert als sogenannte Greiferin Hunderte bis Tausende untergetauchte Juden an die Gestapo aus.

Die Hauptfigur in Würgers Roman ist der Schweizer Friedrich, der im Jahr 1942 nach Berlin kommt, weil er die Deutschen bewundert. Er verliebt sich in die charmante, geheimnisvolle und freche Stella, die als Aktmodell arbeitet. Die grausamen Taten Stellas besprechen die beiden kaum. Der Konflikt, ob es richtig ist oder nicht, Menschen zu verraten, um andere zu beschützen, wird in einem vierzeiligen Dialog abgehandelt. Die Kapitel sind mit Archivmaterial und Zeugenaussagen gespickt. Würger erwähnt im Gespräch immer wieder, wie umfangreich er dafür recherchiert habe. Er habe alles gelesen, was es über Stella zu finden gab. Es wirkt so, als würde er sich durchgehend rechtfertigen – vermutlich ein Automatismus nach den letzten Monaten.

Dabei ist es hier gar nicht nötig, Fiedler ist Würger eher wohlwollend gestimmt. Anders als der Großteil der deutschen Literaturkritiker. So schrieb Fabian Wolff in der Süddeutschen Zeitung im Januar, Stella sei ohne jedes Problembewusstsein für Literatur, Literarisierung und Geschichte geschrieben worden. Denn er gehe schludrig mit den Namen, den Leben und den Schicksalen der Opfer um und werde seiner moralischen Verantwortung nicht gerecht. Es entbrannte eine Debatte um die Ethik des Erzählens. Und auch für seinen Schreibstil hagelte es im Frühjahr massive Kritik. Zu simpel, in Groschenromansätzen würde er schreiben. Die Liste der Vorwürfe ist lang. Wie Hyänen hätten sich die Kritiker auf sein Buch gestürzt, lacht Würger. Er tut die Angriffe erstaunlich cool ab. Damit gerechnet habe er nicht, aber es gehe ihm auch nur darum, gelesen zu werden. Und das hat er geschafft. Nur im Halbsatz erwähnt er, dass er zu Beginn auch etwas verletzt gewesen sei. Doch er habe eines für sich festgestellt: Man kann gut Schriftsteller sein und sich nicht für Kritiker interessieren. Aber es sei unmöglich, wenn die Buchhandlungen nicht hinter einem stehen. Und das haben die meisten nach dem Skandal entschieden getan. Na klar – ein Skandalroman ist natürlich ein Verkaufsschlager. Würger verspricht dem Publikum: »Das nächste Buch kriegen Sie wieder – und die Sätze werden wieder kurz.« Und erntet Applaus.

Ich bin erstaunt, wie wenig wirklich über Würgers – in meinen Augen teilweise groben – Umgang mit diesem sensiblen Thema gesprochen wird. Vielleicht war es in den Augen von Daniel Fiedler schon zu viel für den noch jungen Autor? Aber muss man da nicht durch, wenn man sich ein solches Thema annimmt? Nach Ende des Gesprächs bleibt in mir das Bedürfnis zu diskutieren, ich dachte dafür wären wir hier. Ich frage den älteren Mann neben mir, was er von dem Buch halte. Er antwortet, er sei nur zufällig hier, aber für ihn klang der Mann sympathisch.

Beitragsbild: Takis Würger (links) und Daniel Fiedler (rechts). © Helena Schmidt


Die Veranstaltung: Takis Würger liest aus Stella, Moderation: Daniel Fiedler, Das Blaue Sofa Glashalle, Stand 4, 21.3.2019, 13 Uhr


Das Buch: Takis Würger: Stella. Carl Hanser Verlag, München 2019, 118 Seiten, 22 Euro, E-Book 16,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Helena Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.