Sieg des Dichters

Das PEN-Zentrum Deutschland präsentiert Texte verfolgter und inhaftierter AutorInnen.

Der wohl prominenteste Fall, der am Messe-Samstag von Mitgliedern und AutorInnen des PEN-Zentrums vorgestellt wird, ist der Chelsea Mannings. Sie zählt zu den Inhaftierten, denen diese Veranstaltung gewidmet ist. Mannings Anwalt Wolfgang Kaleck steuerte den Text zu ihrer Situation bei und Andreas Rumler, Mitglied der Organisation, trägt ihn vor.

Chelsea Manning, geboren als Bradley Manning, war, noch vor ihrer Namensänderung und Hormonbehandlung 2013, von 2007 bis 2010 als Angehörige der US-Streitkräfte in Afghanistan und im Irak stationiert. Dort hatte sie Zugriff auf geheime Daten, die auf einem Rechnernetz des Außen- und Verteidigungsministeriums der USA gespeichert waren. Sie übermittelte Videos und weitere Informationen an WikiLeaks, die unter anderem die Tötung irakischer Zivilisten dokumentierten. Daraufhin wurde sie im Mai 2010 verhaftet.

In einer Kolumne für den »Guardian« sowie auf einem eigenen Blog schildert Manning ihre Erfahrungen im militärischen Gewahrsam, die als »grausam, unmenschlich und demütigend« bezeichnet werden. Außerdem macht sie ihr persönliches Ringen um die eigene Identität zum Thema und stellt sich als Transfrau in die Tradition der Queer-Bewegung. Als einen letzten Akt seiner Amtszeit gab Barack Obama im Januar 2017 bekannt, Mannings Haftdauer von 35 Jahren im Zuge einer Strafmilderung auf knapp sieben Jahre zu verkürzen und setzte damit ein wichtiges Zeichen. Chelsea Manning soll im Mai aus der Haft entlassen werden.

Beim Vortrag dieses Textes im Forum Literatur + Hörbuch wird deutlich, dass sich die Atmosphäre einer Messehalle für solch sensible Inhalte nicht eignet. Durch die unruhige Geräuschkulisse verliert die Lesung an Intimität. Die AutorInnen, die repräsentiert werden, verdienen allerdings einen respektvolleren Rahmen. Dennoch sind die vorgestellten Inhalte und Personen sowie die Arbeit des PEN-Zentrums, das sich für SchriftstellerInnen weltweit und die Freiheit des Wortes einsetzt, so wichtig, dass die Präsenz auf der Buchmesse eine große Bereicherung ist.

© Wallstein
© Wallstein

Die halbe Stunde auf der Lesebühne ist viel zu kurz, um sämtlichen AutorInnen eine Stimme zu geben, die in der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift »die horen« zu diesem Thema versammelt sind. Die Mitwirkenden stellen außerdem Lyrik von Aslı Erdoğan vor, die zwar zur Buchmesse eingeladen wurde, jedoch nicht ausreisen durfte. Sie befindet sich ebenfalls in Haft und darf ihre Texte in der Türkei nicht veröffentlichen. In ihrem Gedicht »Wenn doch« wirft sie die Frage nach dem Wert der Wahrheit in Zeiten des Krieges auf.

Zum Abschluss werden Texte der iranischen Lehrerin und Lyrikerin Mahvash Sabet und von Muhammad Riad vorgelesen. Riad strahlt in seinem Gedicht »Sieg des Dichters« beeindruckende Ruhe und Hoffnung aus, wobei er sich nicht von Repression das Wort verbieten lässt. Er scheint wie viele der anderen SchriftstellerInnen im Schreiben ein Ventil zu finden, das einen Umgang mit den Erfahrungen der Haft erleichtert und uns einen Einblick in seine Situation bietet.

Beitragsbild: V.l.n.r.: Anna Katharina Hahn, Rabia Buschmag, Regula Venske, Andreas Rumler, Matthias Biskupek. © Ida Schneider


Die Veranstaltung: writers in prison – PEN-Mitglieder lesen Texte inhaftierter AutorInnen, Buchmesse Leipzig, Forum Literatur + Hörbuch, Halle 3, 25.3.2017, 13.30 Uhr

Das Buch: Hinauf in das winzige Zelt von Blau. Writers in Prison. Zusammengestellt von Sascha Feuchert, Hans Thill und Regula Venske. die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik (Hg. von Jürgen Krätzer), Bd. 261, Wallstein, Göttingen 2016, 272 Seiten, 16,50 Euro


 

 

Die Rezensentin: Ida Schneider

 


 

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