Sex sells? – Nicht immer!

Kritische Reflexion eines Themenabends mit Lesungen, Musik und Tanz.

Es ist Freitagabend. Ich steige am Markt aus, fahre mit der Rolltreppe nach oben. Das leuchtende Schild mit der Aufschrift »Central Kabarett« geht langsam vor mir auf.

Eingang zum König-Albert-Haus mit Central Kabarett © Mirjam Zeise

Oben angekommen habe ich das Gefühl, im Urlaub zu sein: das angenehm milde Wetter, das angestrahlte Alte Rathaus. Im Barfußgässchen sitzen die Leute noch draußen und genießen Aperol Spritz oder Weißweinschorle. Auf dem Marktplatz vor dem Brunnen hat sich eine Menschentraube gesammelt. Sie lauschen einem Straßenmusiker am Flügel. Ich rauche zu Ende. Die Leute klatschen. Ich gehe hinein.

Den »Blauen Salon« habe ich mir anders vorgestellt. Der Raum, in dem heute »Love bites – Die erotische Nacht zur Leipziger Buchmesse 2019« stattfindet, erinnert an einen multifunktionalen Veranstaltungsraum: Innenstadt-Chic, aber nicht gemütlich.

Der »Blaue Salon« © Mirjam Zeise

Es ist nicht ausverkauft. Vor allem im hinteren Bereich, wo auch ich sitzen werde, sind einige Plätze frei. Das Durchschnittsalter der Gäste entspricht circa 45 Jahre. Ich bin gespannt.

Es beginnt. Eine Frau, Veronika Otto, schreitet Akkordeon spielend und singend aus einer Ecke des Raumes zur Bühne. Einige Leute lachen vereinzelt, doch ich verstehe nicht, warum. Amüsieren sie sich darüber, dass die Musikerin etwas unsauber spielt oder verstehe ich den Witz nicht und es ist schon Teil des angekündigten Comedy-Parts?
Diese Stimmung werde ich den ganzen Abend nicht los. Ich fühle mich fehl am Platz und der Humor ist ziemlich unverständlich und irgendwie altbacken. Weitere Programmpunkte sind Lesungen und Musikstücke mit unterschiedlicher Begleitung: mal mit Piano, dann mit Cello oder mongolischer Pferdekopfgeige.

Die Lesungen von Anne Bax sowie Karin Rick sind unterschiedlich doch thematisch zusammengehörig: es geht um Sex, Erotik sowie »witzige« Anekdoten. Beispielsweise darüber, wie sich das Daten in Zeiten von Social Media verändert hat. Die Vortragende redet von Twitter, Facebook und Co. mit Worten, die mir hölzern und nicht zeitgemäß erscheinen. Weiß die Autorin nicht, dass es noch mehr gibt als Likes?

Ich vermute, die Texte sind humorvoll gemeint. Der anschließende thematisiert einen anzüglichen Videodreh. Die Szenen werden sehr umständlich mit grotesk komplizierten und nervtötend einfältig dargestellten Protagonistinnen illustriert. Die Pointe: Die Kamera war nicht angeschaltet. Dieser Schluss kann mir nicht einmal ein müdes Lächeln abgewinnen. Im nächsten Moment zweifele ich ein weiteres Mal an meiner Fähigkeit, von den über 3.000 Veranstaltungen der Buchmesse gute Lesungen auszuwählen. Lesbische Frauen werden ironisch auf »lange Haare an den Beinen und kurze Haare auf dem Kopf« reduziert. Ein Klischee, was darin gipfelt, dass Homosexuelle in der heutigen Zeit uncool wären. Die wahren Coolen sind nun Menschen, die sich als genderfluide bezeichnen.  Dem ungeachtet, dass das nicht lustig ist, spricht sie den Betroffenen gewollte Coolness zu, obwohl die Lebensrealität noch immer eher von Diskriminierung und Marginalisierung geprägt wird. Die Witze sind nicht besser als der Altherrenhumor des Kölner Karnevals. Aber um mit den plumpen Worten der Vortragenden zu reagieren: eigentlich müsste es Altdamenhumor heißen, wir gendern ja. Haha.

Der Barbereich: Innenstadt-Chic © Mirjam Zeise

Mein Fazit ist: Die Lesungen enttäuschen. Sie sind flach, ungeschickt und grob geschrieben. Mit mehr Sprachgefühl, Poesie und Gegenwartsnähe würde ich vielleicht nicht so urteilen. Wer weiß.
Peter Butschkows Text überzeugte am ehesten. In seinem Buch »Rebecca, Roswitha und die wilden Siebziger – Die Geschichte eines Betruges« schreibt er autobiografisch über das (Liebes-)Leben in seinen Zwanzigern. Seine leichtsinnigen Aktionen und naiven Denkweisen bringen ihn beim Lesen teilweise selbst zum Schmunzeln. Neben seiner angenehmen Art zu sprechen macht ihn dies zum sympathischsten Lesebeitrag.

Der beste Part des ersten Teils des Abends sind jedoch die beiden Burlesque-Tänzerinnen Lotti Lieblich und Foxic Poison. Erfrischend und mit viel Charme spielen sie mit ihren Reizen. Erst durch diese mit Augenzwinkern erzählte Performance mit ästhetischer Raffinesse wurde die Veranstaltung »ein Abend für alle Sinne«. Ohne diese Auftritte hätte ich diesen Abend als sehr viel sinnbefreiter empfunden und wäre wahrscheinlich schon vor der Pause gegangen.

Die überraschende Ankündigung einer Pause rettete mich also. Ich weiß nicht, wie lang der zweite Teil des Abends dauerte oder ob die Beiträge mir eventuell besser gefallen hätten. Ich hatte genug gesehen und genug gehört. Ich ging.

Ein wohltuendes Gefühl wieder draußen zu sein. Der abnehmende Vollmond ist nun über dem alten Rathaus aufgegangen. Es ist kühler, doch angenehm. Die Menschen in den Bars und Restaurants des Barfußgässchen sitzen immer noch draußen. Die meisten trinken nun Schnaps.

 

Beitragsbild: Foxic Poison während ihrer Burlesque-Performance © Mirjam Zeise


Die Veranstaltung:Love bites – Die erotische Nacht zur Leipziger Buchmesse 2019, u.a. mit Anne Bax, Karin Rick, Peter Butschkow, Lotti Lieblich, Foxic Poison, Veronika Otto, Eleonore Hochmuth, Moderation: Claudia Gehrke, Central Kabarett, 22.3.2019, 21.00 Uhr


Die Bücher:u.a. Anne Bax: Love me Tinder. Konkursbuch Verlag, Tübingen 2015, 188 Seiten, 9,90 Euro sowie Peter Butschkow: Rebecca, Roswitha und die wilden Siebziger – Die Geschichte eines Betruges, Konkursbuch Verlag, Tübingen 2017, 350 Seiten, 14,90 Euro


Die Rezensentin: Mirjam Zeise

 

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