Schwarz, Weiß, Grau

Hamid Sulaiman stellt im Gespräch mit Mohamed Amjahid seine Graphic Novel »Freedom Hospital« in der naTo vor.

Hastig raucht Hamid Sulaiman noch seine Zigarette auf und drückt sie vor der naTo im Aschenbecher aus. Der 31-jährige Syrer aus Damaskus stellt heute Abend seine im vergangenen Jahr bei Hanser Berlin erschienene Graphic Novel »Freedom Hospital« vor. Begleitet vom »ZEIT Magazin«-Journalisten und Autor Mohamed Amjahid, dessen Buch »Unter Weißen – was es heißt privilegiert zu sein« erst letzten Monat erschienen ist, betritt Sulaiman die Bühne. Seine tintenschwarzen Hände kramen im Rucksack und er zieht seinen Laptop, seine Tuschestifte und eine Ausgabe seines Buches hervor. Fertig vorbereitet schaut er hoch und lächelt ins Publikum.

»Freedom Hospital« ist nach vier Jahren Arbeit entstanden, einer Zeit, in der der Autor erst nach Ägypten und dann nach Frankreich floh. In der Graphic Novel erzählt Sulaiman unter anderem von Yasmin, die 2012 zu Beginn der syrischen Revolution ein Krankenhaus für Kämpfer der Rebellen gegen das Assad-Regime miteinrichtet. Sie gehört zu der Gruppe einer säkularen demokratischen Opposition gegen die Regierung, doch beherbergt ihr Krankenhaus Personen des gesamten Spektrums von Bewegungen, die gegen Assad kämpfen.

»In Syrien haben wir eine vollkommen fragmentierte Situation. Der Krieg ist total absurd und sogar für Syrer unmöglich zu verstehen«, sagt Hamid Sulaiman leise ins Mikrofon. Der Autor, der selbst an Demonstrationen teilgenommen hat und mehrmals für kurze Zeit im Gefängnis saß, versucht, mit seinen Figuren in »Freedom Hospital« ein wenig mehr Klarheit in einen Bürgerkrieg mit unüberblickbaren Allianzen und Konfliktparteien zu bringen. Hier gibt es je nach Blickwinkel ein klares Schwarz und Weiß, doch in Wirklichkeit verschwimmt der Konflikt in unzählbare Grautöne.

Hamid Sulaiman (links) und Mohamed Amjahid (rechts). © Rewert Hoffer
Hamid Sulaiman (links) und Mohamed Amjahid (rechts). © Rewert Hoffer

Hamid Sulaiman beschreibt, wie schon nach kurzer Zeit die säkularen und demokratischen Kräfte schrittweise zwischen Islamisten und regimetreuen Truppen zerrieben werden und die anfängliche Euphorie in Resignation und Apathie gegenüber täglich steigenden Opferzahlen mündet. So hat Assad seit Beginn seiner Herrschaft vor allem die demokratische Opposition verfolgt und die radikalislamischen Bewegungen weitgehend in Ruhe gelassen, wie Sulaiman erklärt. »Wie jeder Diktator stellt Assad die Öffentlichkeit nun vor die Wahl: entweder ich oder das Chaos.«

Zum grandios erzählten Inhalt kommen die starken Zeichnungen von Hamid Sulaiman. Die schwarz-weißen Bilder sind oft nachgezeichnete Amateuraufnahmen aus Syrien, die sich über YouTube verbreiteten. Die intensive Aufbereitung realer Kriegsbilder lässt den Betrachter nochmals nachdenken über einen seit sechs Jahren andauernden Krieg, von dem man größtenteils durch kurze Nachrichtenschnipsel vor dem Wetterbericht erfährt.

Zum Ende fragt der äußerst souveräne und entspannte Moderator Amjahid noch nach Sulaimans nächstem Projekt. Es soll eine neue Graphic Novel werden, die die Vorgeschichte von Abu Taysir erzählen soll, dem Kommandeur der lokalen Miliz der Freien Syrischen Armee aus »Freedom Hospital«. Er möchte damit auf die kurze Geschichte der syrischen Demokratie und die brutale Machtübernahme von Haifz al-Assad, dem Vater Baschars, aufmerksam machen. Es bleibt uns nur zu hoffen, dass wir auf das nächste großartige politisch-poetische Werk aus der Feder von Hamid Sulaiman nicht nochmals vier Jahre warten müssen.

Beitragsbild: Hamid Sulaimans Signatur in der Ausgabe von »Freedom Hospital« des Rezensenten © Rewert Hoffer


Die Veranstaltung: Hamid Sulaiman liest aus Freedom Hospital, Moderation: Mohamed Amjahid, naTo, 25.3.2017, 19 Uhr

Das Buch: Hamid Sulaiman: Freedom Hospital. Hanser, Berlin 2017, 287 Seiten, 24 Euro


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Der Rezensent: Rewert Hoffer

 


 

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