»Schwarz« – Über Identitäten und Arbeitsbegriffe

»Face to Face« heißt die Reihe des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden, in welcher sich zwei Autorinnen begegnen und über ihre Werke diskutieren. Am 9. Januar war der Saal voll. Thema des Abends: Über Frau-Sein und Schwarz-Sein in Deutschland. 


»Schwarz« versteht Sharon Dodua Otoo als politischen Begriff und schreib es daher mit großem S. »Ich fürchte dieses Label nicht mehr so sehr wie früher und ich bin froh, dass es dieses Label gibt – mittlerweile … «, sagt Olivia Wenzel und fügt später hinzu: »Ich wünsche mir, dass es das irgendwann nicht mehr braucht.« Auch Otoo sieht das Label »Schwarz« als Mittel zum Zweck. Die Autorin und Aktivistin ist in London aufgewachsen. Dort verbrachte sie ihre Kindheit in einem Viertel, in dem ihre Familie als einzige Schwarze unter Weißen lebte. Ihre Eltern waren sehr bemüht, gute Einwanderer zu sein; gut integriert zu sein, zu arbeiteten und ihre Kinder gut zu erziehen. Sie würden sich nicht als Schwarz bezeichnen, sondern sagen: Wir kommen aus Ghana.

Olivia Wenzel © David Brandt

Olivia Wenzel schreibt als Autorin sowohl Texte zum stillen Lesen, als auch fürs Sprechtheater. Als Performerin und Sängerin ist sie auch auf der Bühne aktiv. Früher empfand Wenzel einen Widerstand, wenn Leute zu ihr sagten, sie sei eine »schwarze« Theatermacherin oder eine »politische« Autorin. Dann fing sie an, diesen Widerstand zu hinterfragen und zu prüfen: Was ist das eigentlich, dass ich mich da so vehement sträube?
Gleichzeitig schrieb sie an einem Theaterstück, in welchem der Protagonist und ein Großteil des Ensembles Schwarz waren. Daraufhin wurde ihr bewusst, dass sie vorher immer Stücke geschrieben hatte, für welche sie sich das Ensemble Weiß vorgestellt hatte – ohne diese Entscheidung als solche zu bemerken. Es dauerte ein paar Jahre, bis ihr klar wurde, dass ihr Widerstand u.a. mit Verdrängung zu tun hatte, oder mit einem unbewussten Wunsch zur Weißen Mehrheitsgesellschaft dazuzugehören.
Was bedeutet es, wenn Leute sagen, sie seien »Schwarz« oder »Weiß«, wie hängt diese Kombination von Identität und Ethnie zusammen, wie beeinflussen sie sich wechselseitig? Mit diesen und mehr Fragen beschäftigt sich Olivia Wenzel in ihrem Debütroman, der 2019 im Verlag S. Fischer erscheint.
»Ich habe irgendwann meinen Eltern gesagt: Ich wünschte ich wäre weiß.«, erzählt Sharon Dodua Otoo. »Aber es gab nicht so richtig eine Sprache dafür, oder einen Umgang.« Es ist wahrscheinlich, so Otoo, dass ihre Eltern einen krassen Rassismus erfahren haben.

Sharon Dodua Otoo © David Brandt

Sie kamen in den 60er Jahren nach London, als Rassismus noch expliziter war als heute. Wahrscheinlich haben sie extra nicht mit ihren Kindern darüber gesprochen. Thema zu Hause war Exzellenz; würden die Kinder doppelt so hart arbeiten, wie die anderen, dann würden sie alle Hürden überwinden. Als ihre Tochter ihnen sagte, dass sie wünschte Weiß zu sein, hatten sie wahrscheinlich keine Strategien, damit umzugehen. Die Mutter war sauer und schimpfte die Tochter aus, der Vater lachte und machte sich den Rest des Tages über sie lustig. Deswegen thematisierte Otoo dies nie wieder zu hause. »Ich hatte nicht das Gefühl, dass Schwarz sein etwas ist, worüber man spricht. Es war eher etwas, was ich versucht habe, komisch wie es klingt, zu verstecken. Ich habe versucht, mich weiß zu verhalten.«
Erst als sie 1995 zum ersten mal in Berlin war, verstand sie, was es im politischen Sinne bedeutet, eine Schwarze Person zu sein. Auf der Straße sah sie ein Plakat: Werbung für Black History Month. – Es gibt schwarze Geschichte?! Was ist das? Sie ging hin und lernte vieles über Philosoph*innen, Historiker*innen und Künstler*innen: »Das hat mir sehr viel möglich gemacht. Ich habe eine große Befreiung gefunden, in dieser Identität. Also mich als Teil einer Tradition zu sehen, als Teil einer Geschichte, als Teil einer Kultur, einer Bewegung. Das habe ich mit Schwarz-Sein verbunden.«

Sharon Dodua Otoo vor Beginn der Veranstaltung im Foyer © David Brandt

Niemand ist wirklich schwarz oder weiß. Deswegen, so Olivia Wenzel, lehne sie diese ganzen Begriffe im Grunde ab. Doch noch ist es nötig, diese Kategorisierung, diese Wordhülsen zu benutzen. Sharon Dodua Otoo nennt sie Arbeitsbegriffe: »›Schwarz‹ ist für mich nach wie vor ein sehr wichtiger Begriff, um Menschen zu identifizieren mit denen ich zusammen an einem Strang ziehen möchte.« Die Vorstellung, dass alle Menschen gleich sind, ist zwar schön, doch wenn jemand in diesem Zusammenhang sagt »Ich sehe Farbe nicht«, dann, so Otoo, findet sie das schwierig, denn es gibt sie nun mal noch; die Diskriminierung. Wenn dahingegen eine Person sagt »Ich sehe, Sharon, dass du schwarz bist«, dann, so Otoo, »hat diese Person verstanden, in welcher Position ich lebe, mit welchen Kämpfen ich vielleicht zu tun habe. Und deswegen ist das schon ein wichtiger Arbeitsbegriff für mich.«

© Fischerverlag

Die Autorinnen sprechen an diesem Abend noch über vieles mehr, auch über andere Fragen, wie beispielsweise: Wie kann ich eigentlich von Gewalt erzählen, ohne sie (sprachlich) zu reproduzieren? Wie ist Rassismus für weiße Personen, wenn sie ihn bezeugen? Braucht es solche persönliche Erfahrung, damit man sich auch betroffen fühlt und damit man das Gefühl bekommt, sich dringend mit diesem Thema auseinandersetzten zu müssen?

Wer das ganze Gespräch nachlauschen möchte, kann dies hier tun: https://soundcloud.com/dhmdresden/sharon-dodua-otoo-und-olivia-wenzel-uber-frau-sein-und-schwarz-sein-in-deutschland.

 

Beitragsbild: Sharon Dodua Otoo (links) und Olivia Wenzel (rechts) auf der Bühne © David Brandt


Die Veranstaltung: Die Autorinnen Sharon Dodua Otoo und Olivia Wenzel lesen für die Reihe »Face to Face« in Dresden aus ihren Büchern vor und diskutieren über Frau-Sein und Schwarz-Sein in Deutschland, Moderation: Odile Vassas, Deutsches Hygiene-Museum, 09.01.2019, 19.00 Uhr


Das Buch: Sharon Dodua Otoo: die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle … und Synchronicity. Zwei Novellen. Frankfurt am Main 2017, 256 Seiten, 9,99 Euro


Die Rezensentin:

 

 

Hanna Forgber

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