Schließlich muss man glücklich sein

Kathrin Weßling liest auf der Leipziger Buchmesse über Selbstoptimierungszwänge in der Gesellschaft und deren drastische Auswirkungen.

© Ullstein fünf

Kathrin Weßling arbeitet als Journalistin, Social-Media Expertin und Autorin. Mit »Super, und dir?« veröffentlicht sie im April ihr drittes Buch, dass sie im Literaturforum buch aktuell auf der Leipziger Buchmesse vorstellt. Die Lesung ist gut besucht und verdrängt den ganzen Trubel des ersten Tags der Messe. Ihre Lektorin moderiert die Lesung, verleiht Weßling den Titel »Allroundtalent«. Gemeinsam führen sie in die Geschichte von Marlene Beckmann ein, die einen schweren Kampf der Selbstoptimierung in der gnadenlosen Arbeitswelt und – durch die allgemeine gesellschaftliche Einstellung – im Privaten führt. Nach außen hin muss schließlich alles »wahnsinnig perfekt und toll« sein oder zumindest so wirken. Weßling zürnt: »Wir machen uns 24/7 wahnsinnig mit der Scheiße.« Und sie hat Recht.

In einer Zeit, in der man nicht nur seine engen Freunde via Social Media an seinem Leben teilhaben lässt, kann Selbstdarstellung in ihrer Allgegenwart eine Last sein. Der Druck des idealisierten Kunsterzeugnisses, das als das eigene Leben dargestellt wird, in dem es einem immer gut geht und alles immer toll ist, überschwemmt auch die 31-jährige Protagonistin Marlene. Sie arbeitet als Community Managerin für einen großen Konzern, hat einen Freund, hat Freunde. Alles toll, sozusagen. An ihrem ersten Tag im Berufsleben ist sie verunsichert, findet keinen Anschluss. Die Verlorenheit der jungen Frau schwingt in jedem Wort mit und manifestiert sich in dem Versuch, sich selbst einzureden, dass alles gut sei. Es wirkt automatisiert, gekünstelt, gelogen und in trauriger Weise selbstverständlich. In den sozialen Netzwerken hingegen präsentiert sie sich, als wäre alles fantastisch, als wäre sie glücklich, denn »glücklich« muss sie sein und »genau das sollen alle sehen«. Sie klammert sich an lobende Likes, Kommentare und die Aufmerksamkeit, die sie für das bekommt, was sie ihr Leben nennt. Die Unsicherheit, die Verzweiflung und die Panik steigen mit jedem Monolog und jeder Handlung. Um dem Druck standhalten zu können, manipuliert Marlene sich selbst, putscht ihren Körper bei Müdigkeit oder Konzentrationsnachlass mit Drogen auf, nimmt Medikamente, um am Abend ruhig zu werden. Sie ist sich ihres Problems bewusst, sieht sich selbst beim Fallen zu, versteckt den Konsum vor ihren Vertrauten. Bloß nicht auffallen, es geht ihr schließlich super.

Kathrin Weßling. © Melanie Hauke

Und das alles passiert, im Hier und Jetzt. Kathrin Weßling enttabuisiert die Wahrheit über den Druck des Selbstoptimierungszwangs in einer grandiosen Sprache, die genau da trifft, wo es wehtut, wo es rührt und wo man sich als Leser, so traurig es auch scheint, wiederfindet. Die Protagonistin monologisiert mit einer derartigen Selbstdistanz, Ironie und Komik, dass die Absurdität des gesellschaftlichen Drucks eine Komposition aus Schmunzeln und Weltwut auslöst.

Das Buch »Super, und dir?« erscheint am 6. April. Vorbestellungen in der Buchhandlung oder online sind bereits möglich.

 

Beitragsbild: Kathrin Weßling (links) und ihre Lektorin (rechts). © Clara Stralucke


Die Veranstaltung: Kathrin Weßling liest aus ihrem Buch »Super, und dir?«, Forum Literatur buch aktuell, 15.3.2018, 15.30 Uhr.

Das Buch: Kathrin Weßling: Super, und dir? Ullstein fünf, Berlin 2018, 256 Seiten, 16,00 Euro


 

 

Die Rezensentin: Clara Stralucke

 


 

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