Satelliten im All der Großstadt

Clemens Meyer liest in der Buchhandlung Ludwig in Leipzig aus seinem neuen Erzählband »Die stillen Trabanten«.

Trübes Licht fällt durch die hohen Fenster des Historischen Speisesaals im Leipziger Hauptbahnhof; einsam überragt dahinter das Dach vom Uniriesen die Stadt. Im Saal stiehlt sich leise Musik durch die Lautsprecher, die aber bald vom Stimmengewirr des Publikums übertönt wird. Auf den Plakaten, die die holzverkleideten Pfeiler des Saals säumen, ist der Autor schon anwesend, bevor er die in kühl-blaues Scheinwerferlicht getauchte Bühne betritt. Ein Heimspiel für Clemens Meyer. In Halle an der Saale geboren, wuchs der Autor in Leipzig auf, wo er auch lebt und unter anderem den Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Kurzgeschichtenband »Die Nacht, die Lichter« erhielt.

Mal wieder ein Heimspiel: Clemens Meyer in Leipzig. © Lisa Eckstein
Mal wieder ein Heimspiel: Clemens Meyer in Leipzig. © Lisa Eckstein

Mit vom Lesungsmarathon der letzten Tage heiser gewordener Stimme liest Meyer heute aus »Die stillen Trabanten«, und in den rauen Klängen spiegeln sich die Sujets der Geschichten, die er vorstellt. Da geht es um verfallene Fabriken, Kohleviertel, gehusteten Staub, vermeintlich ziellos Reisende und Nächte über den Dächern der Stadt. Meyer selbst bezeichnet sein neuestes Werk als »Konzeptalbum«, in dem gleich einer Komposition drei zweiseitige Miniaturen jeweils drei bewusst angeordneten Erzählungen vorangestellt sind. Teile davon präsentiert er im Folgenden seinen Zuhörern.

Da ist zum Beispiel »Die Rückkehr der Argonauten«, in der der Protagonist auf Besuch in die Stadt zurückkehrt, die ihm einst vertraut war. Doch sie hat sich verändert, und seine Erinnerungen sind verschwommen. Wann verschwanden seine Freunde und wann wird auch er verschwunden sein?

In der zweiten Miniatur nehmen ein Protagonist und sein Freund R. dessen Vater mit auf eine letzte Fahrt durch sein Viertel. Dort sehen sie von einem Riesenrad hinab auf die Windräder, die der Vater zusammengeschweißt hatte, bis die Krankheit kam – und er winkt ein letztes Mal hinab.

Die titelgebende Erzählung schließlich zeichnet das Umfeld eines Imbissbesitzers, der den Dreck aus dem Teppich zu kratzen versucht, den sein Freund und er vor Jahren für ihren Imbiss gewählt hatten. Abends raucht er heimlich mit der muslimischen Freundin seines Nachbarn an den Fenstern im Treppenhaus, und die Gespräche sowie der Rauch wabern durch die neonbeleuchteten Flure.

Clemens Meyer, 2013. © Gaby Gerster.
Clemens Meyer, 2013. © Gaby Gerster.

Man hört Clemens Meyer die Übung an, die er auf seinen Lesereisen gewann. Er entführt seine Leser in die Geschichten, in denen die Protagonisten wie Trabanten in namenlosen Großstädten kreisen und Melancholie an der Tagesordnung ist. Die Trabanten aus dem Titel lassen Spielraum für Interpretation, können sie sich doch auf das Kultauto, auf Satelliten oder das militärische Gefolge beziehen. Alle Deutungen tragen die Stimmung mit, denn auch die Umbrüche in Ostdeutschland zählen zu Meyers Themen, wenn zum Beispiel die neu sanierten Häuser schon wieder bröckeln, als würden sie sich hinter dem neuen Putz »unwohl fühlen«.

Dann wird das Licht heller, die Musik setzt wieder ein und die Lesung endet. Meyer gibt zu, dass ihm ein Weinbrand in der »Bierbar Gleis 8« nun gelegen käme – für die Stimmgesundheit natürlich. Dort spielt übrigens auch eine seiner Erzählungen, deren Ende er allerdings nicht preisgibt.

Beitragsbild © Lisa Eckstein


Die Veranstaltung: Clemens Meyer liest aus Die stillen Trabanten, Buchhandlung Ludwig, Leipzig, 4.5.2017, 19 Uhr

Das Buch: Clemens Meyer: Die stillen Trabanten. S. Fischer, Frankfurt 2017, 272 Seiten, Hardcover 20,00 Euro


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Die Rezensentin: Lisa Eckstein

 


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