Russischer Schnee, mitten im Sommer

Im gemütlichen Ambiente des Literaturcafés Leipzig liest Selma J. Spieweg aus »Boris & Olga« und plaudert mit dem Publikum über das wundersame Steampunkgenre.

Als ich das Literaturcafé im Haus des Buches betrete, erspähe ich zu allererst die Autorin selbst. Nebst einem Arrangement aus zwei zusammengeschobenen Cafétischen, Mikrofonen und Wasserflaschen sitzt Selma J. Spieweg und trinkt einen Kaffee. Ich bin etwas zu früh, komme so jedoch in den Genuss des Schauspiels »Publikum«. Jenes besteht zum Großteil aus einer Gruppe eingefleischter Fans, die bereits eine halbe Stunde vor Beginn die besten Plätze eingenommen haben und das Wort in freundschaftlichem Plauderton an Autorin und Moderatorin richten. Ein Steampunkbuch ist es, auf dessen Vorstellung ich, des unkonventionellen Genres wegen, sehr gespannt bin. Tatsächlich entnehme ich dem Flyer zur Veranstaltung, dass die Geschichte von Boris und Olga bereits in vier Einzelbänden erschienen ist. Mit dem Verfassen von Steampunkliteratur hatte Spieweg begonnen, als sie gemeinsam mit zwei weiteren Autorinnen das Clockwork Cologne gründete. Spielten die Geschichten der Autorin über wundersame Technik und rätselhafte Zeitsprünge damals noch einzig in Köln, verschlägt es sie mit »Boris & Olga« nach Russland.

Selma J. Spieweg: freiberufliche Grafikerin und Self-Publishing-Autorin. © Jacqueline Spieweg

Der Leseabend in locker-familiärer Stimmung beginnt mit einem Interview der Autorin, das auch die übrigen Veröffentlichungen Spiewegs zur Sprache bringt sowie auf den bildhaften Charakter ihres Schreibstils anspielt, welcher wohl ihrer Hauptprofession zu verschulden ist. Eigentlich arbeitet die Berlinerin als freiberufliche Grafikerin. Davon zeugt auch die lebensgroße Plastik der beiden Hauptcharaktere der Romanreihe, welche etwas abseits von der provisorischen Lesebühne aufgestellt worden ist. Die Thematisierung des eindrucksvollen Kunstwerks nutzt die Moderatorin Sabine Seyfart gekonnt, um zum Leseteil des Abends überzuleiten.

Als Spieweg zu lesen beginnt, bedarf es nur weniger Sätze, um das Publikum im sommerlich-sonnigen Leipzig in ein winterliches Russland und an die Kriegsfront gegen die osmanische Streitmacht zu Boris zu entführen. Jener besitzt als Resultat eines missglückten Experiments zur Herstellung von Supersoldaten einen mechanischen Arm. Die Textstelle, die Spieweg zum Besten gibt, führt die Zuhörer in Boris Situation, seinen komplexen Charakter und seine Gedankenwelt ein. Dann wechselt die Autorin die Erzählperspektive. Auch der kleinen Waisen Olga haucht sie gekonnt Leben ein. Aus der Kinderperspektive erzählt regt die Ernsthaftigkeit des Krieges beinahe zum Schmunzeln an. Sofort fiebere ich mit, während sich die spitzfindige Olga vor einer Horde Osmanen versteckt und niedergeschossene Soldaten bestielt. So versucht sie sogar, den ohnmächtigen Boris auseinanderzubauen, um seine metallenen Bestandteile zu verkaufen. Mit dem stillen zarentreuen Boris und der wortgewandten Anarchistentochter Olga lässt Spieweg zwei vollkommen unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen, die sich jedoch, so teasert es die Moderatorin zumindest an, im Laufe der Geschichte zusammenraufen können.

© Jacqueline Spieweg

Der anschließende zweite Teil des Interviews geht sehr organisch und ohne steife Programmüberleitung in eine offene Fragerunde über. Spieweg erzählt vom Herstellungsprozess ihrer Kunstobjekte, den Schwierigkeiten, jene in ein Auto zu quetschen und von der Vielgestaltigkeit des Steampunkgenres. Außerdem möchte sie weiterschreiben. Trotz Stillstand des Clockwork Cologne und trotz dessen, dass ihr im Literaturcafé nur ein knappes Dutzend Zuhörer gegenübersitzen. Die Leidenschaft der Autorin liegt in jeder Zeile, die sie liest, und in jeder Antwort, die sie gibt. Auch Fragen nach dem finanziellen Aspekt des Künstlerlebens lächelt sie tapfer weg. Spieweg tut, was sie tut, weil es sie erfüllt. Vielleicht treffe ich den folgenden Schluss voreingenommen und aus dem Standpunkt einer Person mit vielen künstlerischen Interessen heraus, doch sehe ich in Selma J. Spieweg ein Vorbild dafür, kreativen Tätigkeiten die Chance zu geben, zum Beruf zu werden – trotz Karrieredruck und allgemein üblicher Idealisierung eines Vielverdienerdaseins.

Beitragsbild: Selma J. Spieweg (links) und Sabine Seyfart (rechts) stimmen mit digitalem Schneegestöber auf die Thematik des Abends ein. © Helena Neumann


Die Veranstaltung: Selma J. Spieweg liest aus ihrer Buchreihe »Boris & Olga«, Moderation: Sabine Seyfart, Haus des Buches: Literaturcafé, 19.7.2018, 19.30 Uhr

Die Bücher: Selma J. Spieweg: Tod dem Zaren. Boris und Olga 1: Clockwork Cologne. CreateSpace independed publishing 2014, 466 Seiten, 15 Euro, E-Book: kostenfrei bei Kindle Unlimited.
Selma J. Spieweg: Die Zeitmaschine des Arabers. Boris und Olga 2: Clockwork Cologne. CreateSpace independed publishing 2015, 502 Seiten, 15 Euro, E-Book: kostenfrei bei Kindle Unlimited.
Selma J. Spieweg: Der Plan der Zeit. Boris und Olga 3: Clockwork Cologne. CreateSpace independed publishing 2016, 586 Seiten, 17 Euro, E-Book: kostenfrei bei Kindle Unlimited.
Selma J. Spieweg: Kinder des Äthers. Boris und Olga 4: Clockwork Cologne. CreateSpace independed publishing 2017, 545 Seiten, 15 Euro, E-Book: kostenfrei bei Kindle Unlimited.


 

 

Die Rezensentin: Helena Neumann

 


 

4 Gedanken zu „Russischer Schnee, mitten im Sommer

  1. Liebe Helena,

    vielen Dank für dein Kommen und für diese wunderschöne Rezension, die mir und wahrscheinlich allen, die kreativ arbeiten und künstlerisch tätig oder interessiert sind, Mut macht, weiterhin das zu tun, zu dem sie stehen und was sie erfüllt und Erfolg nicht nach dem Kontostand bemisst.

    Liebe Grüße
    Selma Jacqueline Spieweg

    1. Liebe Selma Jacqueline Spieweg,

      vielen Dank für das nette Feedback zu dem Beitrag.
      Auf ansteckende Kreativität!

      Beste Grüße vom Leipzig-lauscht-Team

  2. Liebe Helena,
    Ich möchte mich auch für diesen schönen Artikel bedanken. Vielleicht sehen wir uns beim Elstercon wieder.
    Liebe Grüße Sabine

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