Ruinen-Porno

 

Steve Przybilla liest aus seinem Buch »Die spinnen, die Amis«.

Wer bereits zwanzig Minuten vor Beginn der Lesung da ist, hat Glück und findet einen Sitzplatz. Ansonsten gesellt man sich eben in das stehende Publikum, das einen ebenso breiten wie langen Halbkreis um das Literaturforum »buch aktuell« gebildet hat und aus Menschen aller Altersklassen besteht. Gespannt warteten sie auf Autor Steve Przybilla, ein freier Journalist, der schon mehrere Stipendien erhalten hat. Przybilla beginnt überpünktlich und muss auf die Bemerkung einer Besucherin hin erstmal etwas lauter sprechen. Die Hintergrundgeräusche sind wie überall in den Messehallen nicht so leicht auszublenden.

© Maverick-Verlag
© Maverick-Verlag

»Amerika ist wunderschön – wenn nur die Amerikaner nicht wären.« So sagte es der Reisebüro-Mitarbeiter, der Przybillas ersten Flug nach Amerika im Jahr 2003 buchte. Schon damals fielen dem Autor die großen kulturellen Unterschiede zwischen den Amerikanern und den Deutschen auf. So berichtet er von den Erlebnissen mit seinen amerikanischen Verwandten, wie etwa dem gemeinsamen »food shopping« oder dem Essen, dessen einziger Inhalt Kartoffelsuppe und Geschmackverstärker zu sein schienen. All dies trägt er mit einem leichten Grinsen im Gesicht vor und entlockt dem Publikum mit unterhaltsamen Formulierungen wie »highle Welt« in Bezug auf die Legalisierung von Marihuana den ein oder anderen Lacher. Hier berichtet der Autor von dem Erlebnis einer Kiffer-Tour durch Denver. Sofort beginnen einige Kinder in der Zuhörerschaft zu kichern und wie wild auf ihren Papieren zu kritzeln.

Przybilla widmet auch der Stadt Detroit ein Kapitel, wo über 80.000 Gebäude leer stehen. Dort machte er einen Ausflug mit, der die Teilnehmer in die verlassenen Häuser bringt. Der Zustand der Gebäude und die Atmosphäre erinnerten ihn an die Serie »The Walking Dead«, in der es um eine dystopische Zombie-Version der Erde geht. Auf diesen Ausflügen können zum Beispiel Fotografiebegeisterte Bilder schießen oder einfach nur die Gebäuderuinen erkunden. Allerdings ist nicht jeder Einwohner Dertroits begeistert von dem neuen Trend, der den nicht sehr netten Namen »Ruinen-Porno« bekommen hat. Das und viel mehr erzählt Steve Przybilla mit viel Witz, Sarkasmus und Menschenkenntnis, und jeder im Publikum kann für sich selbst entscheiden, ob die Amerikaner nun spinnen oder nicht.

Beitragsbild: Steve Przybilla während der Lesung. © Katja Murschel


Die Veranstaltung: Steve Przybilla liest aus Die spinnen, die Amis. Buchmesse, Literaturforum »buch aktuell«, 23.3.2017, 10.30 Uhr

Das Buch: Steve Przybilla: Die spinnen, die Amis. Maverick-Verlag, Wetzlar 2016, 180 Seiten, 13,80 Euro, E-Book 6,25 Euro


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Die Rezensentin: Katja Murschel

 


 

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