Rückkehr in den Olymp

Andrea Wulf und Neil MacGregor diskutieren über den in Vergessenheit geratenen Alexander von Humboldt.

Berlin, 1869: 10.000 Menschen ziehen durch die Straßen. In New York sind es 5.000. Auch Südamerika, Australien und Paris feiert in großen Dimensionen. Der Grund für dieses globale Ereignis mutet heutzutage etwas seltsam an, wird doch der 100. Geburtstag eines Wissenschaftlers gemeinhin etwas dezenter begangen. Doch geht es nicht um den Ehrentag irgendeines Forschers, sondern um Alexander von Humboldts. Als Entdecker und Universalgelehrter war er der Popstar der Wissenschaftsszene des 19. Jahrhunderts und nebenbei einer der bekanntesten Menschen des Planeten.

© C. Bertelsmann
© C. Bertelsmann

Wieso also ist Humboldt heutzutage, gerade in der englischsprachigen Welt, so unbekannt? Diese Frage stellte sich die deutsch-britische Historikerin Andrea Wulf. Es erinnern zwar unter anderem noch eine elitär angehauchte Universität in Berlin, ein Gletscher in den Vereinigten Staaten und eine Pinguinart in Peru an den großen Wissenschaftler, doch fällt es den meisten wohl schwer zu benennen, was genau Humboldt eigentlich dafür getan hat, dass so unterschiedliche Dinge nach ihm benannt wurden.

Deswegen schrieb Wulf eine großartige Biografie, die prompt auf fast allen Bestsellerlisten auftauchte. Und über dieses Buch diskutiert sie mit Neil MacGregor, Intendant einer weiteren Institution zu Ehren des Entdeckers, des umstrittenen Humboldtforums in Berlin. Das Forum für diesen Abend bietet das imposante Grassi-Museum, das trotz seiner Weitläufigkeit brechend voll ist.

© C. Bertelsmann
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Es wird zwar nichts aus Wulfs Buch vorgetragen, doch veranschaulichen die beiden Gäste, die durch Intellekt, Eloquenz und spielend leichte Mehrsprachigkeit mehr als beeindrucken, die immense Wirkung von Humboldts Wirken auf die Wissenschaft und die heutige Gesellschaft. Er ist der geistige Vater der Umweltbewegung und ihm verdanken wir ein Naturverständnis, das uns so intuitiv vorkommt, dass die Tatsache verblüfft, dass es erst erfunden werden musste. Die lebendige, pulsierende Natur als Netz des Lebens war Humboldts Hinterlassenschaft an die Nachwelt. Er beeinflusste andere große Geister wie Darwin, Thoreau und auch Goethe maßgeblich. Kein Wunder also, dass sich Wulf und MacGregor mit Leidenschaft dafür einsetzen, ihn zurück in den Olymp der Wissenschaft zu befördern.

Moderator Thomas Bille von MDR KULTUR sorgt nebenbei durch wortgewandte Einwürfe für den richtigen Unterhaltungsfaktor. Es wird trotz des anspruchsvollen Themas nie zu akademisch, eine Stärke sowohl des Buches als auch der Wortbeiträge. Eine Veranstaltung, die Spaß macht, beeindruckt und neue Perspektiven eröffnet. Das wäre wohl ganz in Humboldts Sinne gewesen.

Beitragsbild: Impression von der Buchmesse 2017. © Leoni Brach


Die Veranstaltung: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, Moderation: Thomas Bille, Museum für Völkerkunde im Grassi, 24.3.2017, 19 Uhr

Das Buch: Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. C. Bertelsmann, Gütersloh 2016, 560 Seiten, 24,99 Euro, E-Book 19,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Nils Bünger

 


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