»Roland ist doof – weitergeben.«

Thomas Bille liest auf dem Sommerfest des Literaturhauses aus »Der kleine Nick« vor. Der MDR-Moderator bringt das Publikum mit kleinen und großen Missgeschicken aus dem Alltag des französischen Schuljungen – passenderweise am Freitag, den 13. – zum Lachen.

© Diogenes Verlag

Durch ein riesiges Eingangstor betrete ich den Hinterhof des Literaturhauses. Dieser führt mich weiter zu dem dazugehörigen Garten, in dem mich eine wunderschöne Atmosphäre empfängt. Schon von weitem sehe ich, dass der Garten gut gefüllt ist: Zwischen großen Trauerweiden sind zahlreiche Bänke und Stühle für das bunt gemischte Publikum aufgebaut. Einige sitzen auch auf dem Balkon des Literaturcafés oder haben es sich an dem kleinen Teich gemütlich gemacht. Es liegt ein leichter Bratwurstgeruch in der Luft und im Hintergrund ist Jazzmusik zu hören. Im Literaturhaus Leipzig wird heute das alljährliche Sommerfest gefeiert. Nach 120 Lesungen wird damit die 22. Saison des Literaturhauses abgeschlossen – mit einer weiteren Lesung: Thomas Bille, Moderator bei MDR Kultur, wird heute aus »Der kleine Nick« vorlesen. Nachdem die Band »Preliminary Injunction« (dt.: Einstweilige Verfügung) den Abend mit einer Mischung aus Klassik und Jazz eröffnet hat, beginnt die Lesung. »Wenn Sie schon nicht in die Ferien fahren, dann begleiten Sie doch mal den kleinen Nick in die Ferien«, sagt Thomas Bille und eröffnet mit einer Geschichte, in welcher der kleine Nick, anders als er es erwartet hatte, seinen Sommer in einem Ferienlager verbringen wird. Lesend versetzt Bille das Publikum in eine Strandszene: »Es geht um das Thema Baden«, sagt er. Dort geht es für die Gruppe »Luchsauge«, welcher der kleine Nick auch angehört ohne Leibesübungen direkt ins Wasser.  Wie in jedem Ferienlager gibt es einen, der immer heult und nicht ins Wasser will – so wie Paulchen, der, obwohl er nur mit den Füßen im Wasser steht, lieber brüllend zu seiner »Maaama« und seinem »Paaapa« möchte.

Pünktlich zur letzten Geschichte gehen im gesamten Garten die Lichterketten an. © Lisa Claus

Bille macht sein klägliches Schreien perfekt nach und einige des zum Teil älteren Publikums fühlen sich offensichtlich in ihre Kindheit zurückversetzt. Mit jedem weiteren Satz, in dem es um zu weit rausgeschwommene Kinder oder Abwanderer zu den Gruppen »Adler« oder »Jaguar« geht, wandelt sich das Grinsen des Publikums in teilweise lautes Lachen, auf das Thomas Bille gespielt empört antwortet: »Es gibt hier nichts zu lachen, das ist historisches Literaturgut aus dem Ende der 50er Jahre. Mit Verlaub!«. Thomas Bille hat eine besondere Beziehung zum kleinen Nick. Schon seit 40 Jahren liest er die von Asterix-Erfinder René Goscinny geschriebenen Geschichten aus dem Alltag des kleinen französischen Schuljungen, welche von Sempé, dem laut Bille besten Cartoonisten, illustriert wurden. Seit 15 Jahren liest der MDR-Moderator die Geschichten schließlich anderen vor – hierbei würden die Leute immer an anderen Stellen lachen, sagt er und fügt grinsend hinzu: »Wahrscheinlich werde ich ausschließlich mit dem kleinen Nick in Erinnerung bleiben.« Das Publikum scheint mit »Der kleine Nick« noch nicht so vertraut. Auf die Frage, wer die Geschichten bereits kenne und trotzdem hier sei, gehen nur wenige Hände in die Höhe, worauf Bille erst eine kurze Einleitung mit wichtigem Basiswissen gibt. Dann geht es weiter mit den kleinen oder großen Missgeschicken des französischen Jungen. Es sind viele aus der Schule, dem »Kern des kleinen Nicks«, wie Bille sagt. Das Lachen im Publikum wird immer lauter und Thomas Bille muss manchmal selbst eine kurze Pause einlegen, um sich kurz wieder einzukriegen. Wir sind zum Beispiel mit dem kleinen Nick in seinem Klassenzimmer, in dem es drunter und drüber geht und in dem Nachsitzstunden für »Roland ist doof – weitergeben«-Zettelchen verteilt werden, ein Klassenstreber rumzetert und von Bille bestens imitiert wird und einer immer isst. Mit Sätzen wie »Na, kommt Ihnen da was bekannt vor?«, wendet sich Bille immer wieder an das Publikum, in dem manche sich besonders bei der Geschichte »Das Fahrrad« gar nicht mehr einkriegen wollen. Schließlich neigt sich der Lesungsteil des Sommerfests dem Ende zu und das Publikum ruft: »Eine noch!«, Bille ruft zurück: »Wir sind doch hier nicht auf dem Basar!« und läutet zum allgemeinen Gartenfest mit der Geschichte »Die Trompete« ein. Pünktlich dazu gehen die Lichterketten im ganzen Garten an und sorgen für eine wunderbar ruhige Atmosphäre. Nach der letzten Geschichte höre ich, wie sich zwei Frauen unterhalten: »Das war witzig, oder?«, sagt die eine, »Ja!«, stimmt ihr die andere begeistert zu.

Beitragsbild: Die Sommerfest-Besucher hören der Band »Preliminary Injunction« aus Halle zu.
© Lisa Claus


Die Veranstaltung: Thomas Bille liest »Der kleine Nick«, Musik: »Preliminary Injunction« mit Scotti Gottwald (git.), Ralf Schneider (dr.) und Alexander Suckel (p.), 13.07.2018, 19 Uhr

Das Buch: René Goscinny: Der kleine Nick (mehrere Bände). Aus dem Französischen von: Hans-Georg Lenzen, Illustration: Jean-Jacques Sempé, Diogenes Verlag, Zürich


 

 

Die Rezensentin: Lisa Claus

 

 


 

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