Revolution ganz nah

Peter Wensierski liest aus seinem Buch »Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution« und nimmt das Publikum in der Buchhandlung Ludwig mit zu den letzten Tagen der DDR.

»Man wird zurückgebeamt in diese Zeit«, so beschreibt der Bürgerrechtler Uwe Schwabe das Buch spontan in der Fragerunde nach der Lesung. Was ihn von den anderen Besuchern an diesem Abend unterscheidet: Er ist einer der Protagonisten in »Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution«. Neben Anita, Frank, Gesine und Fred gehörte Schwabe zu den jungen Leipzigern, die den Umsturz in der DDR wagten. Das Buch begleitet die Jugendlichen in ihrem Kampf für Demokratie und Freiheit, beim Drucken von Flugblättern, bei Protestaktionen mit Luftballons und Umweltdemos, aber auch bei Überlegungen zur DDR-Realität und zu drohenden Verhaftungen.

© DVA
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Der Journalist Peter Wensierski war bis Mitte der achtziger Jahre Korrespondent in der DDR und bekam nach seinem Einreiseverbot weiterhin Material aus dem Nachbarland zugespielt. Von den revolutionären Ereignissen berichtete er für die ARD. In den letzten Jahren sichtete er dieses Material erneut, hörte alte Kassetten, las Tagebücher und führte Interviews mit über 40 der damaligen Revolutionäre, um die Geschehnisse so detailliert wie möglich zu erzählen. Diese Eindrücke hat er in »Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution« zusammengetragen.

Obwohl es sich dabei um ein Sachbuch handelt, das wahre Begebenheiten erzählt, fühlt man sich dem Geschehen sehr nah. Das liegt daran, dass sich im Buch neben den politischen Ereignissen zahlreiche persönliche Einsprengsel finden. Man begleitet die jungen Menschen dabei, wie sie Freundschaften schließen, gemeinsam Wein am See trinken oder sich im Café treffen.

Wensierski unterbricht seine vorgelesenen Textauszüge immer wieder, um Foto- und Videoaufnahmen von damals zu zeigen. Dazu läuft »Talkin’ Bout a Revolution« von Tracy Chapman. Währenddessen sind die Zuschauer ganz still. Zu sehen sind zum Beispiel heruntergekommene Altbauten und Trümmerhaufen, die Akteure der Gruppe in privaten Momenten oder Situationen auf Demos. Danach liest Wensierski den nächsten Abschnitt.

Peter Wensierski in der Buchhandlung Ludwig, im historischen Speisesaal im Hauptbahnhof. © Leipziger Buchwissenschaft
Peter Wensierski in der Buchhandlung Ludwig, im historischen Speisesaal im Hauptbahnhof. © Leipziger Buchwissenschaft

Den Zuschauern, die sich in Leipzig auskennen, kommen einige Schauplätze bekannt vor. Ob Nikolaikirche, Täubchenweg oder Auwald, viele der heute alltäglich besuchten Orte waren Teil der Friedlichen Revolution. Diese lokal verknüpften Beschreibungen sind wohl einer der Gründe, warum die Geschehnisse so greifbar wirken.

Am Ende der Lesung folgt eine Diashow von Fotografien der einzelnen Protagonisten des Buches. Anita, Frank, Gesine und Fred bekommen so jenseits des Textes noch einmal ein Gesicht. Während des Gesprächs im Anschluss präsentiert Wensierski weiteres Material wie ein heimlich mitgeschnittenes Stasi-Verhör oder ein Telefoninterview mitten aus der Demo. So haucht er diesem zuerst etwas trocken wirkenden Thema viel Leben ein und belebt den Mut und die Euphorie der jungen Akteure wieder. Den Abend beendet er mit den Worten, die seinem Buch als Motto vorangestellt sind: »Eines Tages müssen wir alle sterben. Aber an allen anderen Tagen nicht«. Damit fasst Wensierski die Entschlossenheit, aber auch die gewisse Leichtfüßigkeit der jungen Menschen, die damals die Revolution gewagt haben, noch einmal zusammen.

Beitragsbild: Peter Wensierski liest über die jungen Leipziger Protagonisten der Friedlichen Revolution. © Rosa Kleindienst


Die Veranstaltung: Peter Wensierski liest aus Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution, Buchhandlung Ludwig, 26.4.207, 19 Uhr

Das Buch: Peter Wensierski: Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution. DVA, München 2017, 464 Seiten, 16,99 Euro, E-Book 16,99 Euro


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Die Rezensentin: Maria Reis

 


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