Quo vadis, Deutschland?

Andreas Speit liest aus seinem Buch »Bürgerliche Scharfmacher«.

Es ist Donnerstagabend, der erste lange Tag der Buchmesse liegt hinter den meisten Besuchern, draußen ist es bereits dunkel. Und doch finden sich etwa zwei Dutzend Zuhörer im kleinen Saal der Friedrich-Ebert-Stiftung ein. Damit man im schlichten Ambiente nicht vergisst, in welchen Räumlichkeiten man sitzt, steht vorne ein lebensgroßer Pappaufsteller des sozialdemokratischen Namensgebers. Daneben am Tisch sitzt Andreas Speit, Sozialökonom und Publizist, neben ihm Moderatorin Daniela Kolbe. Vor beiden liegt je eine Ausgabe von Speits Buch »Bürgerliche Scharfmacher«.

© Orell Füssli Verlag
© Orell Füssli Verlag

Auf den lockeren Einstieg Kolbes, was denn die Motivation Speits gewesen sei, dieses Buch zu schreiben, steigt dieser direkt ins Thema ein. Und schon nach den ersten Sätzen merkt man: Es ist ihm sehr wichtig, darüber zu sprechen und zu schreiben. Er führt nicht die sonstige Floskel der »Gefahr von rechts« ins Feld, sondern benennt deutlich verschiedenste Akteure und ihre mittlerweile effektive Vernetzung innerhalb Deutschlands und über die Landesgrenze hinaus.

Da ist etwa Götz Kubitschek, der »Vordenker der Neuen Rechten«, der mit seinem eigens dafür gegründeten »Institut für Staatspolitik« aus Schnellroda seit dem Jahr 2000 den geistigen Nährboden für rechte Bewegungen lieferte. Als dann 2010 die Thesen von Thilo Sarrazins »Deutschland schafft sich ab« einschlugen, sah Kubitschek seine Zeit gekommen. Sarrazins Werk als Rammbock nutzend, legte der Verleger und Autor aus Schnellroda mit »Der Fall Sarrazin – Eine Analyse« nach. Ein Bestseller.

Speit sieht verschiedene Ursachen für die Erfolge und Akzeptanz rechter Ideologien, die neoliberale Umstrukturierung Europas etwa. Es dauerte nicht lange, bis eine junge Partei dies ebenso für sich entdeckte: die Alternative für Deutschland. Während in den Augen vieler Betrachter die AfD anfangs eine eher wirtschaftsliberale Partei gewesen sei, sah Speit von Beginn an ein starkes neurechtes Milieu vertreten. Dieses Milieu bildete sich um Bernd Höcke, der rechtsaußen den Rand der Partei darstelle und, so Speit, immerhin etwa 30% des Wählerpotenzials binden würde. Seine sogenannte »Dresdner Rede«, die vor wenigen Wochen deutschlandweit für Aufruhr sorgte, hält Speit nicht für einen Ausrutscher, sondern für eine »Manifestation seines Denkens«. Ein gewollter Tabubruch, ganz im Sinne der Parteistrategie.

Erst mit der genauen Auseinandersetzung mit Höcke sei vielen Medienvertretern bewusst geworden, womit sie es bei der AfD eigentlich zu tun haben. Speit gesteht an dieser Stelle deutlich ein, wie sehr man das rechte Potential bis dato unterschätzt habe. Es klingt ernüchternd, wie er fortfährt. Das rechte Netzwerk, das er sowohl an diesem Abend als auch in seinem Buch aufzeigt, ist erschreckend. Höcke sei Dauergast bei Kubitschek. Beide würden vom Compact-Magazin unter Jürgen Elssäßer tatkräftig unterstützt. Dazu komme die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte sogenannte »Identitäre Bewegung«, ein elitärer Verein von etwa 500 Aktivisten, so Speit, der vor allem durch präzise geplante PR-Aktionen von sich reden mache. In Dresden entstand zwischendurch die Pegida-Bewegung, die den Protest nun seit fast zweieinhalb Jahren auf die Straße bringt. Wenn auch auf Nachfrage aus dem Publikum nach Einschätzung Speits eine mittlerweile eher unbedeutende Bewegung, so war auch sie ein weiterer wichtiger Wegbereiter eines neurechten Netzwerks. Lösungsansätze seien da schwierig, langfristige Strategieüberlegungen griffen nur langsam, das Gegensteuern sei eher ein gesamtgesellschaftlicher Prozess.

Auf verschiedene spätere Einwürfe aus dem Publikum, die einerseits eine ablehnende Haltung zu rechten Bewegungen bezeugen, andererseits aber auch eine tiefe Enttäuschung von den der bestehenden politischen Verhältnissen, äußert der Autor Verständnis. Man müsse wieder an die Menschen herankommen, aber das sei auch eine Herkulesaufgabe, schiebt Kolbe nach. Es wirkt angesichts dieses über Jahre gewachsenen und hochvernetzten rechten Netzwerkes mehr als schwierig. Selbst für Herkules.

Beitragsbild: Coverausschnitt © Orell Füssli Verlag


Die Veranstaltung: Andreas Speit liest aus Bürgerliche Scharfmacher, Moderation: Daniela Kolbe, Friedrich-Ebert-Stiftung Leipzig, 23.3.2017, 19 Uhr

Das Buch: Andreas Speit: Bürgerliche Scharfmacher. Deutschlands neue rechte Mitte – von AfD bis Pegida. Orell Füssli Verlag AG, Zürich 2016, 352 Seiten, 19,95 Euro



 

 

Der Rezensent: Clemens Patzwald

 


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.