Prominenz beim Schweizer Leseabend

In der Tangomanie machen Lukas Bärfuss und Jonas Lüscher ihrer Heimat alle Ehre.

© Wallstein Verlag
© Wallstein Verlag

Mitten im Leipziger Osten finden sich rund 150 Literaturbegeisterte zusammen, um zwei Schweizer Autoren zu lauschen, die derzeit große Aufmerksamkeit genießen. Lukas Bärfuss, mit »Hagard« nominiert für den Leipziger Buchpreis 2017, und sein Kollege Jonas Lüscher, dessen Werk »Kraft« jüngst zahlreiche Feuilletons eroberte, sollen dem alljährlichen Schweizer Leseabend einen Höhepunkt an Prominenz beschaffen.

Zwischen Zementdecke und Dielenboden murmeln Schweizer Dialekte durcheinander. Kein freier Platz in Sicht. An der Bar steht man dicht gedrängt aneinander. Hinter der Bühne werden alle auffindbaren Reservestühle rekrutiert. Als auch der letzte Suchende einen Sitzplatz erkämpft hat, kann der Abend beginnen. 30 Minuten Lesezeit für jeden Autor, zwischendurch Musik. Keine Interviews, keine Konversation, kein gemeinsames Auftreten der Autoren und auch sonst kein großes Drumherum. Der Moderator hat außer einem »Grüezi« und »Auf Wiedersehen« nicht viel zu sagen – dennoch lässt er es sich nicht nehmen nach dem ganzen Messetrubel noch kurz die Frische der Autoren infrage zu stellen.

Jonas Lüscher geht mit seinem Roman »Kraft« voran. Das Publikum folgt gespannt den Unternehmungen des Protagonisten, die zwischen politischem Aktionismus und studentischem Übermut in komischer Tragik gipfeln. Der Autor unterstreicht mit temporeicher Lesart Eloquenz und Witz seiner Zeilen und entlockt den Gästen zahlreiche Lacher. Man staunt über seine präzis-prägnanten Darstellungen, die zahlreiche Bilder hervorrufen und den Zuhörer in die Dynamik des Geschehens werfen.

© C.H. Beck Verlag
© C.H. Beck Verlag

Nach einer musikalisch eingeleiteten Pause tritt Lukas Bärfuss ins Rampenlicht. Er unterstellt dem Moderator zunächst Verleumdung und beteuert seine eigene Frische, dann schlägt er seinen Roman auf. Nach Lüschers vorangegangener Komikkaskade scheint das Publikum immer noch lachhungrig zu sein. Die von Bärfuss gewählte Passage enthält tatsächlich eine Fülle lustiger Begebenheiten, doch wer das Buch kennt, weiß, dass solche Details oft zwischen Ernst und Tragik der Geschichte untergehen. Das Buch lebt vom Sog der Obsession – und der kommt in seiner vollen Wirkungsmacht bei dieser Lesung leider zu kurz.

Auch wenn beide Werke von Schicksal und Scheitern erzählen, können sie unterschiedlicher nicht sein. An diesem Abend fesselt Lüschers weiter Aktionsradius genauso wie Bärfuss’ minutiöse Darstellung der Ereignisse. Das gelungene Konzept eines Leseabends ohne moderative Unterbrechung untersagt jede Selbstinszenierung der Autoren und stellt ihr Schaffen in den Vordergrund. Bei so viel Talent hätte man ihnen auch mangelnde Frische verziehen.

Beitragsbild: Lukas Bärfuss (links) und Jonas Lüscher (rechts) beim Signieren. © Melanie Bollag


Die Veranstaltung: Schweizer Leseabend: Lukas Bärfuss liest aus Hagard und Jonas Lüscher aus Kraft, Tangomanie, 25.3.2017, 20 Uhr

Die Bücher:

  • Lukas Bärfuss: Hagard. Wallstein, Göttingen 2017, 174 Seiten, 19,90 Euro, E-Book 15,99 Euro
  • Jonas Lüscher: Kraft. C.H. Beck, München 2017, 237 Seiten, 19,95 Euro, E-Book 15,99 Euro

 

 

Die Rezensentin: Melanie Bollag

 


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