Prager Metro, Haltestelle Arndtstraße

Junge tschechische Literatur zum Buchmessestart am Mittwochabend in der Szenekneipe Horns Erben.

Man fühlt sich wie in der U-Bahn. Es ist warm, es ist eng, es riecht nach Bier, Menschen müssen stehen und die Veranstaltung fängt verspätet an. Die Prager Metro ist an diesem Abend nach Leipzig gekommen und mit ihr die Leipziger Buchmesse. Stadtpläne, Leipzig-Liest-Programme und die Schlange von Wartenden vor der Tür prägen das Bild in dem ausverkauften kleinen Wohnzimmer im Horns Erben in der Arndtstraße. Die Herausgeber Martina Lisa und Martin Becker stellen hier mit Voland & Quist, dem tschechischen Zentrum Berlin und drei ihrer Autoren ihr »Herzensprojekt«, wie sie es nennen, »Die letzte Metro« vor.

Die Herausgeber Martina Lisa und Martin Becker. © Voland & Quist
Die Herausgeber Martina Lisa und Martin Becker. © Voland & Quist

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Die Idee zur Anthologie von 18 tschechischen Autoren kam ihnen in einer Prager Kneipe, natürlich bei einem Bier, und ihre Inspiration war die Metro. Sie steht im Mittelpunkt der Mischung aus Prosa, Poesie, Songtexten und Kneipenliteratur, die von »Humor, Leichtigkeit und Melancholie« lebt. Die Moderation übernimmt an diesem Abend die stellvertretende Direktorin des tschechischen Zentrums Christina Frankenberg und nach ihrer Einführung stellen Lisa und Becker die Autoren Michal Šanda, Tereza Semotamová und Petr Hruška vor.

Šanda beginnt mit seiner Kurzgeschichte »Renatas Liste« und liest sie selbst – auf Tschechisch. Verhaltene Lacher zeigen, wer von den Anwesenden tschechisch spricht, der Rest horcht gespannt den ungewohnten slawischen Klängen. Und obwohl man nichts versteht, entsteht eine angenehme, intime Atmosphäre. Die Wörter werden zu einer Melodie, die ab und zu von verständlichen Wörtern wie »Hamburg-Altona« oder »Hans-Joachim« durchbrochen wird. Als Lisa den Text auf Deutsch liest, merkt man, dass der Übersetzung etwas fehlt und dass die Sprache einfach zur Literatur gehört. Aber durch die zweisprachige Lesung schaffen sie es trotzdem, Gefühle zu transportieren. Das Publikum lacht, ist gebannt, und als Semotamová Auszüge aus ihrem unvollendeten Roman auf Deutsch liest, gibt es langanhaltenden Applaus.

© Voland & Quist
© Voland & Quist

Als letztes stellt Hruška zwei seiner Gedichte vor. Seine langen grauen Haare fallen dem Dichter auf das Leinenhemd. Die zweite Flasche Staropramen ist schon geleert, als er anfängt, auf Tschechisch über Kneipen und seine Heimatstadt Ostrava zu lesen. Seine tiefe Stimme trägt den Text gekonnt vor, Lisa anschließend ihre Übersetzung. Nach jeder Lesung stellen die Herausgeber den Autoren jeweils eine Frage. Was für eine Verbindung er zu der Bergbaustadt Ostrava habe, fragt Becker Hruška, und dieser antwortet melancholisch: »Ich mag das Leben, in dem ich mich täglich nach dem Sinn fragen muss.«

Die Anthologie »Die letzte Metro« ist wie der Abend: ein Eintauchen in eine fremde Welt, ein kleiner Einblick in die beeindruckend emotionale junge tschechische Literatur. Wer mehr von der Wohnzimmeratmosphäre im Horns Erben gepaart mit unbekannter Literatur genießen will, kann hier am Samstag die Veranstaltung »Kein Streicheln. Junge Litauische Literatur« vom Mitteldeutschen Verlag besuchen.

Beitragsbild: Horns Erben. © Hanna Komischke


Die Veranstaltung: Die letzte Metro. Tschechische Literatur zwischen Prosa, Bier und Poesie, Moderation: Christina Frankenberg, Horns Erben, 22.3.2017, 20 Uhr

Das Buch: Martin Becker/Martina Lisa (Hg.): Die letzte Metro. Voland & Quist, Dresden/Leipzig 2017, 208 Seiten, 18,00 Euro, E-Book 9,99 Euro


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Die Rezensentin: Hanna Komischke

 


 

 

 

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