Popkonzert mit pinkem Elefanten

Der Star der deutschsprachigen Literaturszene Martin Suter liest in der Leipziger Kongresshalle am Zoo aus seinem neuesten Bestsellerroman »Elefant«.

»Dahinten ist die Schlange«, ruft die bebrillte Rentnerin entrüstet aus, als sich zwei Frauen in ihrem Alter an ihr vorbeidrängen wollen. Von allen Seiten prasseln böse Blicke auf die beiden ein, denn »wir stehen hier jetzt schon zwei Stunden an!« Und das ist erst der Anfang, wirklich turbulent wird es erst beim Kampf um die besten Sitzplätze in der großen Kongresshalle am Leipziger Zoo. Der Andrang auf das herrschaftliche Gebäude erinnert, wäre da nicht der Generationenunterschied, an Popkonzerte mit vor der Konzerthalle campenden Teenagern. Die Aufregung ist vor allem einer Person geschuldet: Martin Suter. Der Schweizer Autor wird hier den großen Leipzig-liest-Abend eröffnen, später werden dann die ebenfalls gefeierten Autoren Jostein Gaarder und Thomas Brussig folgen.

Suter, der verlässlich mindestens jedes zweite Jahr einen fast einstimmig hochgepriesenen Roman verfasst, hat es auch mit seinem neuesten Buch »Elefant« sofort auf Platz eins aller Bestsellerlisten geschafft. Die Idee zu der Geschichte entstand vor Jahren auf einem Alzheimer-Kongress, bei dem ein befreundeter Professor Suter in die Welt der Genforschung einweihte und dabei auf die mögliche Erzeugung eines pinken Elefanten hinwies. Der Gedanke ließ Suter nicht mehr los.

© Diogenes
© Diogenes

In seinem Roman findet der obdachlose Alkoholiker Schoch eines Tages die Protagonistin in seiner Höhle, eine rosa leuchtende Miniatur-Elefantendame. Zu diesem Zeitpunkt weiß er allerdings noch nicht, dass das kleine Tier keine Halluzination ist, sondern das gejagte Objekt der Begierde eines skrupellosen Genforschers, der für Geld und Ruhm über so manche Leiche gehen würde. In gewohnt simplen, klaren Schreibstil verfasst, zeugt der Roman von beeindruckender Recherchearbeit und wartet mit viel Wissen über das Leben auf der Straße, über Verhaltensmuster von Elefanten und gentechnische Methoden auf. Belehren oder gar moralisieren will Suter mit dieser Gentechnik-Thematik allerdings nicht, denn als Autor suche er nie »nach Themen, immer nach Geschichten«, und was der Leser dann daraus mitnehme, das entscheide er selbst.

Nach einleitendem Gespräch mit Moderatorin Shelly Kupferberg, die unterhaltsam und souverän durch den ganzen Abend führt, hebt Suter zum Lesen an. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte man ihn noch guten Gewissens als eher arroganten Anzugträger abstempeln können. Das ändert sich aber spätestens, als er etwas zerstreut in seinem Buch herumblättert und dann im Schweizer Dialekt mit den wundervoll langgezogenen Vokalen sagt: »Also, das Kapitel, das Sie da angekündigt haben, das hab ich gar nicht auf meiner Liste.« Schließlich beginnt er doch, mit gemütlicher Stimme zu lesen, wobei er sich gerne selbst unterbricht, um dann mit Blick ins Publikum zu fragen: »Was ist denn der Plural von Zirkus? Na, ich sag einfach mal Zirki.«

Wollte man während der Lektüre seines Romans das rosa Elefäntchen am liebsten aus den Buchseiten heraus an sich reißen, so könnte nach dieser Lesung der eine oder andere ähnliche Gefühle Suter gegenüber entwickeln. Fast überrascht es, dass kein Justin-Bieber-Raunen à la »süüüüüß« hörbar wird. Noch kreischen also keine Groupies. Doch die älteren Damen, die sich kichernd die Witze des Autors gegenseiteig vorsagen und in Gedanken wohl schon dabei sind, ihm zärtlich durch die gegelten Haare zu fahren, die sind immerhin ein Anfang.

Beitragsbild: Impression von der Leipziger Buchmesse 2017. © Clemens Patzwald


Die Veranstaltung: Großer Leipzig liest-Abend, Martin Suter liest aus »Elefant«, Moderation: Shelly Kupferberg, Kongresshalle am Zoo, 23.3.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Martin Suter: Elefant. Diogenes, Zürich 2017, 352 Seiten, 24 Euro


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Die Rezensentin: Agnes von Laffert

 


 

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