»Philosophieren macht nicht glücklich«

Das Literaturhaus Leipzig lädt ein zu einem philosophischen Abend. Zu Gast ist der langjährige Chefredakteur des »Philosophie Magazins« Wolfram Eilenberger mit seinem neuen Sachbuchbestseller »Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929«.

Fußballfan und Philosoph Wolfram Eilenberger © Annette Hauschild

Als ich das Literaturcafé wenige Minuten vor Veranstaltungsbeginn betrete, sind viele Plätze schon besetzt. Ich geselle mich zu ein paar älteren Damen, die scheinbar Stammäste der Lesungen des Literaturhauses sind, da sie kurz darauf feststellen, dass der Raum zwar gut gefüllt, jedoch nicht so »proppenvoll« wie sonst sei. Allerdings sei das ja auch ein schwieriges Thema heute. Ich schmunzele und lasse meinen Blick durch das Café schweifen. Überwiegend ältere Zuschauer haben sich heute zusammengefunden, nippen an ihrem Tee oder Bierchen und diskutieren eifrig über das Sommerprogramm des Literaturhauses.

Eine Frau am Nachbartisch erzählt gerade ihrer Freundin, dass sie Wolfram Eilenberger schon oft im Fernsehen gesehen habe, als der Autor selbst den Raum betritt und sich mit abgegrabbeltem Buch in der Hand auf den Stuhl neben den Moderator des Abends fallen lässt. Jörg Schieke, selbst Schriftsteller und freier Mitarbeiter des MDR, grinst, als in der Vorstellung ihrer beider Mitgliedschaft in der Autoren-Nationalmannschaft erwähnt wird und kündigt an, später noch einmal auf das Thema Fußball zurückzukommen. Nach einer kurzen Einführung in das Leben und Schaffen von Wolfram Eilenberger spricht der Autor über die Idee hinter »Zeit der Zauberer«. Seine Entscheidung, die vier sonst getrennt voneinander behandelten Philosophen Heidegger, Wittgenstein, Benjamin und Cassirer in einen Zusammenhang zu stellen, rühre daher, dass all diese einflussreichen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts sich zu Zeiten der Weimarer Republik mit folgender Frage beschäftigten: Was ist der Mensch?

© Klett-Cotta Verlag

In seinem Buch widmet der Autor sich nicht nur den verschiedenen Antworten auf diese Frage, sondern auch dem Weg dorthin, indem er Theorie und Biografie der vier Helden verknüpft und zeigt, dass diese untrennbar miteinander verbunden sind. Da wäre zum einen der schon früh als Genie erkannte Millionär Ludwig Wittgenstein, der sich nach Veröffentlichung seiner gefeierten »Logisch-philosophischen Abhandlung« dazu entschließt, auf sein Vermögen zu verzichten und lieber Grundschüler in einer Dorfschule unterrichtet. Martin Heidegger hingegen wird zwar nicht wie Wittgenstein zum Gott der Philosophie erhoben, kann jedoch nach Eilenberger als junger, wilder Shootingstar seiner Zeit beschrieben werden, den 1924 etwas »Dämonisches« trifft: Die Liebe zu seiner Studentin Hannah Arendt, die seine Philosophie ins Wanken bringt. Dritter im Bunde ist der aufgrund seines ausschweifenden Lebensstils ständig in Geldsorgen ertrinkende Walter Benjamin, der wegen seiner Feindschaft zu Heidegger sogar eine Zeitschrift plant, deren einziges Ziel es ist, diesen zu vernichten. Ernst Cassirer ist der letzte der vier Helden und auch der einzige, der Zeit seines Lebens gut von seiner Arbeit leben kann und nie mit Depressionen zu kämpfen hat. An dieser Stelle merkt Eilenberger an: »Philosophieren macht nicht glücklich, es verschafft einem lediglich ein tieferes Verständnis vom Leben.« Das Publikum lacht, wie oft an diesem Abend, wenn der Autor Anekdoten aus dem Leben seiner Helden präsentiert. Schieke weiß ihn immer wieder gekonnt auf diese persönliche Ebene zurückzuholen, wenn der philosophische Teil überhand zu nehmen droht. Denn durch sein ruhiges, selbstsicheres Auftreten hängt das Publikum zwar an Eilenbergers Lippen, doch man muss genau zuhören, um folgen zu können, sodass zwischenzeitlich die Augen glasig werden und der Ein oder Andere aussteigt. Die Damen an meinem Tisch etwa entdecken einen Reiher im Garten des Literaturhauses, den zu bewundern ihnen für einen Moment die gewünschte Ablenkung beschert. Doch letztendlich kehrt die allgemeine Aufmerksamkeit immer wieder zu den beiden Herren zurück.

Nach einer Stunde schließt Schieke den Kreis und kommt wieder auf das Thema Fußball zu sprechen. Auf die Frage, was Eilenberger zur Fußball-Weltmeisterschaft zu sagen habe, antwortet der: »Die große Fähigkeit der Philosophen ist die, Enttäuschungen zu vermeiden, indem man seine Ansprüche verringert.« Ein herzliches Lachen und begeisterter Applaus erfüllen den Saal.

Beim Herausgehen sehe ich, wie ein Paar sich am Büchertisch ein Exemplar von »Zeit der Zauberer« sichert. Viel daraus vorgelesen hat Eilenberger nicht, »Lesen können Sie ja selber.« Die Entscheidung, dem Publikum stattdessen einen Überblick über die Themen und Protagonisten seines Werkes zu gewähren, war in meinen Augen eine kluge Idee. Abgesehen von einem mysteriösen Piepen in der ersten halben Stunde war es ein gelungener, zeitlich genau richtig bemessener Abend. Ich habe oft gelacht und gehe nun mit der Gewissheit nach Hause, auch etwas dabei gelernt zu haben.

Beitragsbild: Jörg Schieke lauscht konzentriert den Worten Eilenbergers. © Katharina Hoppe


Die Veranstaltung: Wolfram Eilenberger liest aus »Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929«, Moderation: Jörg Schieke, Literaturcafé im Literaturhaus Leipzig, 25.6.2018, 19.30 Uhr

Das Buch: Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929, Stuttgart 2018, 431 Seiten, 25 Euro, E-Book 19,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Katharina Hoppe

 

 


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.