Paranoia auf Niederländisch

Herman Koch hat es gerade noch zu seiner Lesung in die Richard-Wagner-Aula geschafft und gibt sich dort als unwissender Autor zu erkennen.

Herman Koch. © Annaleen Louwes

Wieder bringt mich Leipzig liest an einen mir bisher unbekannten Ort. Mitten in der Stadt, gegenüber der Nikolaikirche, befindet sich nämlich die Alte Nikolaischule – wieder was gelernt. Zwar gehe ich mehrmals wöchentlich an diesem Gebäude vorbei, welche Bedeutung es allerdings für die Stadt hat, wurde mir erst durch meinen heutigen Besuch bewusst. Die in der Alten Nikolaischule – dessen berühmtester Schüler vermutlich Richard Wagner gewesen ist – beheimatete Kulturstiftung Leipzig bietet mit ihrer 1827 im klassizistischen Stil gebauten Aula einen Veranstaltungssaal für Vorträge, Lesungen, Konzerte oder Tagungen. Hier besuche ich die Lesung des Niederländers Herman Koch zu seinem neuen Buch »Der Graben«, die um 21 Uhr stattfindet.

Der Moderator Jan Konst – Literaturwissenschaftler und Niederlandist – begrüßt die Gäste und freut sich besonders, auch Herman Koch begrüßen zu dürfen. Dieser hatte durch das Wetterchaos für seine Fahrt von Amsterdam nach Leipzig nämlich knapp 14 Stunden gebraucht und konnte es kaum glauben, jetzt tatsächlich in der Messestadt zu sein. Dass er erst 16 Minuten vorher angekommen ist, merkt man ihm nicht an – er ist die Entspannung in Person.

Koch ist der derzeit international erfolgreichste Autor der Niederlande und tritt darüber hinaus auch als Schauspieler, Kolumnist, Komiker und Fernsehmacher in Erscheinung. In seinem aktuellen Buch schreibt er über die stetig wachsende Befürchtung des Amsterdamer Bürgermeisters, seine Frau hätte eine Affäre, worüber er buchstäblich wahnsinnig wird. Er wird nur mehr getrieben von diesem einen Gedanken und entwickelt im Verlauf eine immer stärker werdende Paranoia.

© Verlag Kiepenheuer & Witsch

Auf Nachfrage des Moderators beteuert Koch, der Bürgermeister im Buch habe nichts mit einer real existierenden Person zu tun – er habe lediglich nach einem Charakter gesucht, der in der Öffentlichkeit steht, um die Diskrepanz zwischen Schein und Sein noch größer werden zu lassen. Ob die Zweifel an dessen Frau tatsächlich begründet sind, weiß Koch selber nicht. Er hat darauf beim Schreiben selbst nie eine Antwort gehabt. Der Leser ist also genauso unwissend wie der Autor, was einen großen Teil der Spannung des Buches ausmacht.

Da das Vorlesen auf Deutsch für Koch eine hohe Konzentration erfordert, wie er selbst sagt, liest er als Einstieg lieber eine Seite seines Buches auf Niederländisch vor. Auch wenn ich nur Bruchteile verstehe, so finde ich diese Idee sehr sympathisch – nicht zuletzt weil ich Niederländisch einfach gerne höre. Um den Rest des Abends für alle verständlicher zu machen, übernimmt schließlich Jan Konst die Lesung des folgenden Abschnitts, der den Neujahrsempfang schildert, auf dem der Verdacht des Ehebruchs erstmals aufkeimt.

Nachdem Koch noch einmal selbst aus seinem Buch vorliest, diesmal auf Deutsch, ist die einstündige Lesung auch schon vorbei. Ob es nun der niederländische Akzent der beiden, ihre unkomplizierte Art oder das Buch selbst war – ein gelungener Abend geht zu Ende und ich stapfe gut gelaunt durch den Schnee nach Hause.

Beitragsbild: Der Autor Herman Koch beim Signieren im Anschluss der Lesung. © Paula Baudach


Die Veranstaltung: Herman Koch liest aus Der Graben, Moderation: Jan Konst, Alte Nikolaischule, 17.3.2018, 21 Uhr

Das Buch: Herman Koch: Der Graben. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 304 Seiten, 20 Euro, E-Book 16,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Paula Baudach

 


 

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