»Papa, hast du Probleme damit, eine Romanfigur zu sein?« »Nö.«

Dmitrij Kapitelman spricht über sein Buch »Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters« und beglückt seine ZuhörerInnen, indem er daraus vorliest.

Wer heute Abend zu Hugendubel gekommen ist, um Dmitrij Kapitelman zu sehen, hat es schwer, einen Platz zu finden. Das Publikum der vorherigen Lesung bleibt einfach sitzen. »Wie heißt’n der jetzt, den wir uns anhören?«, »Kennst du das Buch?« »Nein, du?« »Nein«. Dabei hat Dmitrij Kapitelman ein großes Buch geschrieben. Es ist sein erstes.

Der ukrainische Jude Leonid Kapitelman und sein in Leipzig-Grünau aufgewachsener Sohn Dmitrij – »willkommene Wiedergutmachungsjuden« – reisen auf Verlagskosten nach Israel, um herauszufinden, wie ihr Leben hätte sein können, wenn sie 1994 statt nach Deutschland nach Israel geflohen wären. Der Autor erhofft sich, seinen Vater verstehen zu lernen, diesem geht es um seine alte Briefmarkensammlung, die er im Heiligen Land vermutet.

Das Buch ist autobiografisch. Kapitelman erklärt gleich zu Beginn, dass er einen radikalen Wahrheitsanspruch verfolge. »Warum soll das kein Roman sein? Nur weil’s stimmt? « Aus diesem »wahrheitsgetreuen autobiographischen Roman« liest Dmitrij Kapitelman also vor, unterbrochen durch Interviewsequenzen. Die Fragen stellt Tino Dallmann, mit Feinsinn und Interesse am Detail. Kapitelman antwortet mit trockenem Humor. Um plakative Aussagen manövriert er geschickt herum. Für ihn sind die Menschen nicht schwarz-weiß. Es gibt keine einfachen Lösungen für komplizierte Probleme. Dieses Buch »ist ein Geschenk an meinen Vater«, der es immer noch nicht gelesen hat, aber die genauen Verkaufszahlen auswendig weiß. Über Dynamik in seiner Familie schreibt Kapitelman: »Wir lieben uns bedingungslos, allerdings ist diese bedingungslose Liebe an viele Bedingungen geknüpft. «

© Hanser
© Hanser

Der Autor liest, die Zeit vergeht zu schnell, er schaut auf. »Können Sie noch? « Zustimmendes Gemurmel. Kurz darauf verliert eine ältere Dame das Bewusstsein. Unterbrechung, Fenster auf, ein Arzt ist anwesend. Anschließend wirken die ZuschauerInnen besorgt, sie könnten um die Fortsetzung gebracht werden. »Also, wenn Sie noch in Stimmung sind, würde ich die Geschichte weiterlesen.« Erleichtertes Aufatmen. Überhaupt hat Dmitrij Kapitelman sein Publikum schnell auf seine Seite gebracht, nicht nur sein Buch strotzt vor intelligenter Situationskomik, auch diese Lesung ist voller Einwürfe und Witze. Das nicht zu fixierende Mikrofon sei ein Beweis für »strukturellen Antisemitismus« (vorsichtiges Lachen). »So kann ich nicht arbeiten!«. Und später: »Wer hätte gedacht, dass orthodoxe Juden auch zur Tankstelle müssen?« (lautes Lachen).

»Die Reise mit meinem Vater hat mir gezeigt, dass Zugehörigkeiten austauschbar sind – nicht aber die Menschen, mit denen man diese teilt.« Dieses Buch handelt von einem Vater und einem Sohn, ja. Es handelt darüber hinaus von der Suche nach Identität und Heimat. Genauso sehr traut sich Kapitelman, strukturellen Rassismus in verschiedenen Gesellschaften zu benennen, Widersprüche aufzudecken und seine eigenen Überzeugungen radikal auf den Prüfstand zu stellen. Damit stellt er seine Geschichte in einen Kontext, der sie über die persönliche Identitätssuche hinaus bedeutsam macht. »Es geht auch um die Suche nach einer gerechteren Gesellschaft.«

Der Roman wird als »Buch der Stunde« gefeiert. Wie sehr er diesem Lob gerecht wird, wurde Kapitelman erst klar, als sich Legida formierte und der linke Leipziger Stadtteil Connewitz von Neonazis gestürmt wurde. »Vielleicht ist es das Buch der Stunde gewesen, aber ich hätte gerne eine andere Uhr um mich gehabt.«

Beitragsbild: Tino Dallmann (links) spricht mit Dmitrij Kapitelman. © Johanna Posenenske


Die Veranstaltung: Dmitrij Kapitelman liest aus Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters, Moderation: Tino Dallmann, Hugendubel, 24.3.17, 20.15 Uhr

Das Buch: Dmitrij Kapitelman: Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters, Hanser Verlag, München 2016, 187 Seiten, 20 Euro


 

 

Die Rezensentin: Johanna Posenenske

 


 

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