Oberst von Huhn im Alltagswahnwitz

Ein Gastspiel im Deutschen Theater Göttingen: Axel Hacke liest aus seinen Büchern und Kolumnen.

Eine Glocke schrillt, das Licht geht aus, die Türen zu. Axel Hacke betritt die große Bühne mit einem nicht minder großen Stapel Bücher und Mappen unter dem Arm. Es ist ein Prinzip des Autors, erst vor Ort zu entscheiden, welche Texte dem Publikum präsentiert werden. »Ich bin auch da, wir fangen an.« Aber womit?

Axel Hacke ist Kolumnist im Magazin der Süddeutschen Zeitung, das jeden Freitag erscheint. Wenn man mal nicht weiß, welcher Tag es ist, so müsse man einfach die Süddeutsche mit dem offenen Ende nach unten schütteln – fällt ein Magazin raus, ist Freitag. Wenn nicht, dann nicht. Aus seinen zahlreichen Kolumnen entstehen Bücher mit vielen Kapiteln über … eigentlich alles: Erziehung, Beziehung, Alltagsprobleme und -freuden, Politik, Missverständnisse, Irrtümer. Alles, was einem im Leben vor die Füße fällt. Stimme und Wortwahl des Autors ziehen derweil so in den Bann, dass die beschriebenen Situationen unmittelbar im Kopf auftauchen und hemmungsloses Lachen folgt.

Axel Hacke. © Thomas Dashuber

Hackes Geschichten sind so nah am Publikum, dass jeder sich mit der einen oder anderen direkt identifizieren kann. So spricht er zum Beispiel vom »Partnerschaftspassiv«, einer indirekten Ansprache, die Lösungsspielräume lässt und keinen Streit auslöst. So wohnt man trotz aller Zweisamkeit zusätzlich mit Herr Man, Frau Jemand oder Fräulein Einer zusammen. Konfliktvermeidung auf hohem Niveau. Jemand muss schließlich die Blumen gießen, Einer muss den Müll rausbringen, Man muss ja so viel. Selbst im Urlaub begegnet uns der Alltagswahnwitz. Wer kennt es nicht? Eine Reise in ferne Länder, ein guter Platz im Restaurant und eine Landessprache, die nicht die eigene ist. Hilfreich wären Übersetzungen in der Speisekarte; oder dem »Menüantrag«. Diese gibt es zwar häufig, allerdings oft mit einer Gratisportion Verwirrung. Wir begegnen einer Übersetzung, die ihren Weg aus dem Französischen über das Englische ging und zum Deutschen stolperte: »Oberst von Huhn breitet sich drastisch in einer Weißweincreme aus.« Wer keine Überraschungen mag, braucht nun ein Wörterbuch, lernt aber dazu. Einsichtiges Nicken setzt sich durch. »Wir könnten es auch nicht besser«.

Bedacht und beinahe vorsichtig leitet der Autor über zu einem ernsten und unaussprechlich wichtigen Thema: Anstand. Beziehungsweise fehlendem Anstand in der heutigen Zeit, Lügen und Grenzüberschreitungen – ja, Anstandsverlust. Schlagartig ist der Saal in Stille gehüllt. Hacke nimmt sich Zeit für dieses Thema. Er plädiert an den Sinn für Gerechtigkeit, Solidarität, Aufrichtigkeit, Fairness und selbstkritisches Handeln. Die Wortwahl, Intonation und Emotion in dem Gesagten flutet in zustimmende Sprachlosigkeit, in ein stilles JA, SO IST ES und einen anhaltenden Applaus. Und es hängt nach. Wird nachhängen.

Die Stimmung lockert sich. Der abschließende Text umspielt die Fähigkeit des Menschen zum Irrtum und dieser »macht es meist besser«. Das Publikum bekommt das poetische Potenzial des deutschen Schlagers offengelegt. Das ungreifbare Bedürfnis nach Umdichtung und Verbesserung in deutschen Liedtexten schließt den Bogen um einen Abend voller Spaß und unglaublich viel Wahrheit. In jeder Geschichte.

Beitragsbild: Axel Hacke. © Clara Stralucke


Die Veranstaltung: Axel Hacke liest, Gastspiel, Deutsches Theater Göttingen, 20.2.2018, 19.45 Uhr


 

 

Die Rezensentin: Clara Stralucke

 


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