Ob es regnet an diesem Morgen?

Iris Wolff liest aus ihrem neuen Roman »So tun, als ob es regnet«.

»Se face că plouă, so tun, als ob es regnet, nannte ihre Mutter diese Abwesenheit […].« Gemeint ist dieser Moment, wenn jemand mit einem spricht, etwas fragt, etwas aufträgt und man tut, als ob man nicht zuhöre, in Gedanken versunken sei, eben so tut, als ob es regne.

Trotz früher Uhrzeit und einer gestohlenen Stunde durch die Zeitumstellung sitzen viele aufmerksame Zuhörer in der Leseinsel der Jungen Verlage in den Hallen der Buchmesse, um Iris Wolff zu lauschen, die aus ihrem dritten Roman »So tun, als ob es regnet« liest.

© Otto Müller Verlag
© Otto Müller Verlag

In vier einzelnen Erzählungen, die alle miteinander verknüpft sind, beschreibt die Autorin Geschichten über vier Generationen hinweg. Da ist der österreichische Soldat, der während des ersten Weltkriegs in einem rumänischen Dorf eine Familie kennenlernt und, nachdem er mit der Mutter der Familie ein Kind zeugt, im Krieg stirbt. Da ist diese Tochter Henriette, die die Treffen der Schlaflosen besucht. Ihr Sohn Vicco glaubt zu sterben, an dem Tag als die Amerikaner den Mond betreten und seine Tochter Hedda wiederum sieht Jahre später ein Fischerboot auf das Meer hinausfahren, von wo es nie mehr zurückkehrt. Alle vier Erzählungen wirken einzeln und doch hängen sie fest zusammen. Es geht um Ereignisse, geschichtlich relevante, aber auch ganz kleine persönliche, die alles verändern.

So auch der Anfang der dritten Erzählung, den Wolff an diesem Morgen liest. Vicco ist mit dem Motorrad auf dem Weg nach Hause. Gerade während die Amerikaner den Mond betreten, hat er Angst zu sterben. Am nächsten Tag fährt er mit seiner Freundin Liane ans Meer. Er stellt fest: »Vielleicht hatte der Ausflug ans Meer etwas bewirkt, zwei Teile, die auseinanderstrebten, ineinandergefügt.« So wie ihn und Liane, so wie eigentlich alle Personen des Romans.

Eine Erzählung über 100 Jahre und eine kurze Auszeit im Messetrubel. So tun, als ob es regnet. Dieser Moment des anscheinenden Versunken-Seins, das gegenseitige Übereinstimmen, dass beide davon wissen, aber nichts sagen. »Genauso verhält es sich doch mit Romanen«, befindet Iris Wolff. Der Leser weiß genau, dass es sich um Erfundenes handelt. Und doch ist es die Aufgabe der Erzählung »etwas mit aller Ernsthaftigkeit zu behaupten, was doch, wie jeder wusste, der einen Roman aufschlug, erfunden war.«

In der Geschäftigkeit der Messe ist es schön, der klaren Stimme Wolffs zu lauschen. Sie liest ruhig und doch fesselnd, blickt immer wieder auf in die Gesichter der Gekommenen. Ihre sympathische Art lässt auch die zufälligen Zuhörer, die sich auf der Suche nach einem Sitzplatz niederließen, einen Moment bleiben und gespannt lauschen. Hier tut keiner so, als wäre er mit den Gedanken abwesend, nirgends regnet es. Nach 20 Minuten endet die Autorin, Applaus. Sie lächelt noch einmal in die Runde und verschwindet genauso unauffällig von der Bühne, wie sie gekommen ist.

Beitragsbild: Iris Wolff liest aus ihrem Roman © Laura Winkelmann


Die Veranstaltung: Iris Wolff liest aus So tun, als ob es regnet, Leseinsel junger Verlage, 26.3.2017, 10.30 Uhr

Das Buch: Iris Wolff: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. Otto Müller, Salzburg 2017, 150 Seiten, 18,00 Euro


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Die Rezensentin: Laura Winkelmann


 

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