Nichts zerfaseln

Am Freitagabend stellt der umstrittene Literaturkritiker Karl Heinz Bohrer in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig sein neues Buch »Jetzt – Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie« vor.

Die Sitzplätze im Saal, dessen Türen und Fenster von dunklem Holz gerahmt sind, sind größtenteils besetzt. Das Publikum gehört anscheinend überwiegend dem Bildungsbürgertum an. Leise Gespräche sind zu vernehmen, einige Besucher recken die Hälse, um einen Blick auf den Autor zu erhaschen. Sehen kann man ihn nur in den ersten Reihen, was jedoch nur halb so schlimm ist, denn auch hinten ist alles gut zu verstehen.

Ijoma Mangold, Feuilletonist bei der »ZEIT« und ehemaliger Student Bohrers, eröffnet die Lesung mit einigen Worten. Für ihn gebe es drei Bohrers: zunächst den akademischen Karl Heinz Bohrer, Verfasser theoretischer Texte und Professor, seit 1997 emeritiert. Dann den Herausgeber-Bohrer, 1984 –2012 verantwortlich für die Zeitschrift »Merkur«, Essayist mit dem Ruf einer gewissen Verwegenheit und mit Hang zur Provokation. Die dritte und, so Mangold, neueste Seite Bohrers sei die des Erzählers, die zum ersten Mal in seinem Erinnerungsbuch »Granatsplitter. Erzählung einer Jugend« auftaucht und in dem vorgestellten Buch fortgeführt wird.

Bei beiden handelt es sich um autobiografische Erzählungen. »Granatsplitter« schildert die Geschichte des jungen Bohrer, seine Kindheit und Jugend während des Zweiten Weltkriegs, die Anfänge seiner Faszination für die Ästhetik des Schrecklichen. Später wird Bohrer mitunter als »wichtigster Denker des Ästhetischen« bezeichnet.

© Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Sein neues Buch setzt in der Zeit der späten sechziger Jahre ein. Bemerkenswert dabei ist die Perspektive des Erzählens, die schon im Titel des Buches angedeutet wird: Nicht aus einer reflektierenden, allwissenden Sicht wird erzählt, sondern aus der jeweils zeitlich gebundenen Perspektive – vom »Jetzt« des Erlebten. Das macht sich bei der Lektüre bemerkbar, bei der man manchmal das Gefühl hat, dem Protagonisten beim Denken zuzuhören. An äußere Begegnungen knüpfen innere Gedankenmonologe an, um dann wieder, manchmal erst nach einigen Seiten, zum äußeren Geschehen zurückzufinden. Vielseitig, intellektuell anspruchsvoll und trotzdem nicht abgehoben schildert Bohrer Begegnungen, unter anderen mit Jürgen Habermas und Ulrike Meinhof sowie seine Gedanken zu politischen Geschehnissen und seinen Umgang damit.

An diesem Abend liest Bohrer drei für sein Buch charakteristische Stellen. Es geht um Jürgen Habermas, mit dem er als junger Redakteur viel Kontakt hatte, um die Ästhetik der Guillotine und andere ästhetische Überlegungen, um die Plötzlichkeit und das Jetzt. Es geht aber auch um die Differenz zwischen Männern und Frauen, an die sich Gedanken über das Fremde knüpfen. Mit seiner früheren Frau Undine Gruenter habe er vereinbart, nichts zu »zerfaseln«, wie er es ausdrückt, um das Fremde zwischen ihnen nicht zu zerstören.

Zwischendurch beantwortet Bohrer Mangolds Fragen, es entstehen kurze Gespräche, die, ebenso wie das Gelesene, für Lacher im Publikum sorgen. Pünktlich nach 90 Minuten wird die Veranstaltung beendet, denn in der Kürze liege die Würze. Das stimmt, denn so bleibt die Neugierde erhalten, mehr vom Autor zu lesen. Zerfaselt wird an diesem Abend auf jeden Fall nichts.

Beitragsbild: © Veronika Mücke-Sprügl


Die Veranstaltung: Karl Heinz Bohrer liest aus Jetzt – Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, Moderation: Ijoma Mangold, Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, 24.3.2017, 20.30 Uhr

Das Buch: Karl Heinz Bohrer: Jetzt – Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie. Suhrkamp, Berlin 2017, 541 Seiten, 26,00 Euro, E-Book 21,99 Euro


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Die Rezensentin: Veronika Mücke-Sprügl

 


 

 

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